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Phillip Boa & The Voodooclub - Faking To Blend In
VÖ: 03. August 2007
Boa hat wieder ein Zuhause. Will meinen: Er ist nicht mehr DORT, sondern WIEDER DA.
Ein Umstand, der im Zusammenhang mit dem neuen Album des Herrn in der Tat derart relevant ist, dass man ihn dem Presse-Waschzettel nicht nur voranstellen, sondern auch noch mit einer Leerzeile unterstreichen muss - und den maßgeblich ein Mensch zu verantworten hat: Tobias Siebert.
Yep. Noch eine Leerzeile. Damit sie den Namen mal sacken lassen können. Um sich Gedanken zu machen. Darüber etwa, warum im Folgenden der Name Siebert vermutlich öfter auftauchen wird als der Name Boa. Die Erklärung liegt natürlich auf der Hand: Boa hat wieder ein Zuhause.
Tobias Siebert hat dieses Album produziert. Und hat dabei einen ganz außerordentlichen Job gemacht. Findet auch Phillip Boa – und hat deshalb kurzerhand beschlossen, man möge diesem Text doch bitte ein Gespräch mit dem Produzenten und nicht mit dem Künstler (nicht, dass der Produzent kein Künstler wäre, aber dazu später mehr) zugrunde legen.
Diesem außerordentlichen Job ging allerdings eine außergewöhnliche Entscheidung voraus: da hat sich einer der etabliertesten Musiker der deutschen Indie-Szene, jemand, den man gerne auch mal Wegbereiter und Institution schimpft, einer der schon mit Mischpult-Superstars wie John Leckie (u. a. Pink Floyd, Radiohead, Stone Roses, Muse) und Tony Visconti (T-Rex und Bowie) gearbeitet hat, für einen jungen, noch nahezu unbekannten Produzenten entschieden. Und das nicht, weil der in der letzten Zeit für irgendwelchen hippen, angesagten, heißen Scheiß hinterm Pult gestanden hat, sondern einzig und allein aufgrund dessen Produzententätigkeit für seine eigenen Bands Delbo (Tobias Siebert: Gitarre) und klez.e (Tobias Siebert: Gesang, Gitarre, Programmierung).
Nun gehören Sieberts Bands mit ihrem so schlauen wie emphatischen, treibenden, Postnoiserock sicherlich zum Interessantesten, was der hiesige Gitarren-Untergrund derzeit zu bieten hat und Siebert ist noch dazu erklärter Fan von frühen Boa-Alben wie „Philister“, „Aristocracie“, „Copperfield“, „Hair“ und „Hispaniola“ - konkrete musikalische Parallelen zu Boas Opus drängen sich allerdings nicht gerade auf. Und sind selbstredend trotzdem vorhanden - denn zwei Herzen (jeweils) schlagen, ach, in beider Brust: das eine pocht beschwingt im Takt großer Melodien, das andere wummert und holpert monoton und verschroben dagegen an. Die beständige Konfrontation von Hymne und Schrulle, Kantus und Groteske ist es, die die beiden eint. Mit seinem unbedingten (und an Boa geschultem) Streben den Weg zum Pop durch das Tor der Dekonstruktion zu beschreiten hat Siebert Boa zu einem Klangbild verholfen, dass nahtlos an den Sound des klassischen „Phillip Boa & The Voodooclub“ anschließt, ohne auch nur einen Moment rückwärtsgewandt zu klingen . Womit wir wieder beim ersten Satz dieses Aufsatzes wären.
Auf „Faking To Blend In“ hofiert Boa niemanden mehr, außer sich selbst, und hat damit zu einer neuen Form jener Haltung zurückgefunden, die ihm die deutsche Presse anno dunnemals so gerne als Arroganz unterstellte (während er im englischsprachigem Ausland bedingungslos gefeiert wurde).
Alles ist wieder da, die tribalistischen Rhythmen, die sehnsüchtigen Melodien, die wiederborstigen Arrangements, der Clash zwischen Boas, dankenswerter Weise vollständig vom Hallschleier befreitem, Anti-Gesang und Pia Lunds Zuckerstimmchen: aber mittels einer handvoll einfühlsam umgesetzter Kniffe und Tricks ist es in seiner Gesamtheit vollständig in der Gegenwart angekommen: Siebert hat die markantesten Merkmale der Musik aufgegriffen, ausgebaut, abgespeckt, durch den Wolf seines Kreuzberger Studios gedreht und einem Update unterzogen: verzerrte Gitarren spielen nur noch die zweite Geige, im Mittelpunkt steht die Rhythmusgruppe, das treibende Schlagzeug und der Bass als Melodie-Instrument. Das rockt ohne zu rocken, ist deutlicher denn je das, was Boas Musik in ihren besten Momenten immer schon war, Pop, ohne dabei in Arrangement und Melodieführung auf essentielle Gesten des Widerstands zu verzichten.
Um das genau so hinzubekommen hat der Tausendsassa Siebert, die coole Sau, mal eben im Alleingang nahezu sämtliche Instrumente – Bässe, Keyboards, Gitarren – sowie die Backingvocals, der in den Temple Studios auf Malta von David Vella vorproduzierten Aufnahmen, neu eingespielt. Bis auf das Herzstück des Sounds, die Drums, die übernahm Delbo Drummer Flo – ebenfalls großer Boa-Fan.
Das Ergebnis ist ein Boa-Album wie es im Buche steht: voller Hits und Widerhaken, zum Mittanzen, Mitsingen, zum drüber Stolpern und kräftig dran Reiben.
Dank Tobias Sieberts Hilfe hat Boa mit „Faking To Blend In“ nach Produktionen in Paris, NY, London und Malta endlich wieder ein Zuhause: im Hier und Jetzt.
01 On Tuesday I’m Not As Young
Ein sehnsuchstvoller Uptempo-Hit mit treibenden Gitarren, frohlockenden Chören und einem drolligen kleinen Break mit rückwärts laufenden Loops.
02 Girl Is A Runner
Minimalism rules. Sequenzing auch. Und ein herrlich stoisches Riff mit ordentlich Delay ohnehin. 1a anachronistischer Durchmarsch in den Sonnenaufgang.
03 Queen Day
Powerballade in a Boa way. Satte Akustikgitarren, sanfte Synthieflächen, verhaltene Streicher, und ein unbeirrbar durch nur den vorgeblich stromlinienförmigen Wohlklang polterndes Schlagzeug
04 Drinking And Belonging To The See
Shoegazing Hymne mit wummerndem Bass, einer zuckersüß aus der Stimmung hinaus und wieder hinein eiernden Gitarre und einem nach den Sternen schielendem Refrain.
05 Faking To Blend In
Der Titeltrack. Inklusive seltsamer Piepstöne, tröpfelnder Percussionschläge, marching Snare, dieser frei schwebenden „House Of Love“-Gitarre die so gerne eine singende Säge sein möchte, reduziertem Dub-Break, ultradramatischem Piano und furiosem grande Finale.
06 How Much Can You Swallow
Zickiger aber zackiger Trommeltanz auf dem Parkett der Leidensfähigkeit, inklusive menschlichem Wiehern und angemessen saumäßigem Chuck Berry-Gedächtnis-Solo.
07 Emma
Schwer melancholischer Blindflug durch ordentlich unaufgeräumte, menschenleere Trostlosigkeit, vorbei, an auf schwarzen Bassklippen singenden Sirenen und kleine Stöckchen aneinander schlagenden Funkloch-Eremiten.
08 You Hurt Me
Zu gleichen Teilen tiefer und schräger gelegter Protopunkrocker, mit - ob der gelegentlich überraschend kaputt anmutenden Taktung – geradezu beruhigen wirkender psychedelischer Garnitur. Ohrwurm anbei.
09 Sleep A Lifetime
Zeitlupengrabenkrieg zwischen Gesangsmelodie und Rhythmusgruppe in der Strophe. Anschließend Waffenruhe mit Akkordeonbegleitung, Schnappatmung und Herzrhythmusstörung. Große Versöhnung im Chorus. Gefeiert mit ordentlich NewWave-Sirtaki-Vibrato auf der Gitarre.
10 Collective Dandyism
Geiler Kanon aus Disco-Bass, Handclaps, bluesigem Hardrockgegniedel, bescheuerten Spielautomaten-Geräuschen, Uh-Uhs, Yeah-Yeahs, der ein wenig Struktur von zwei amoklaufenden Schlagzeugern erhält.
11 In Todays Parties
Nochmal die schwebende Sägegitarre, diesmal kokett gekontert mit rhythmisch gestrichenen Celli, Phillips stellenweise völlig entkleideter Stimme und tapfer gegen jegliche Velvet Underground-Anmutungen antrommelnden Medizinmännern.
12 You Are A Parasite But I Love You
So beschwingte wie dezent gestörte Verführung pur: Pia lockt zuckersüß “Oh my darling”, und der Hintern schwoft dazu mit der Gitarre „in a lazy beat of pain“, während uns die Drums gelegentlich für Sekundenbruchteile zwischen die Tanzbeine grätschen, nur um direkt darauf wieder ordentlich nachzutreten. Stadt Salz in die Wunde gibt’s eine Heile-heile-Gänschen-Harmonika.
13 The Night Before The Last Was Saturday Night
Herrlich opulente, orchestrale Blue-Hour-Romantik für die Morgendämmerung nach der Morgendämmerung nach der Party.
Quelle:
Motor Music