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Voodoocult, die zweite
Voodoocult, die zweite
Der nächste Abschied galt zum einen der Konzert- und Merchandising-Agentur Goldrush, unter der Führung des ehemaligen Lichtmannes und Tourmanagers von 93/94, Rüdiger Scholz. Das Merchandising und den Fanclub übernahm Rüdigers Licht-Nachfolger Hero Alting mit seiner Firma Hero Colors (heute Sunburst), als Konzertagentur wurde der Metal-Veranstalter Rainer Hänsel verpflichtet.
Zum anderen trennte sich Boa vom langjährigen Voodoo-Produzenten E.Roc. "Es gab starke Differenzen zwischen der Plattenfirma, E.Roc und mir, die mich dazu bewogen haben, diese Zusammenarbeit zu beenden. Die ganze Sache ist eigentlich traurig, weil ich im nachhinein seine Arbeit sehr gut finde. Mehr möchte ich dazu nicht sagen."
Auf der Suche nach einem neuen Produzenten für das zweite Voodoocult-Album stieß man auf Tommy Newton, mit welchem es nach Los Angeles ins Studio ging. Jim Martin, der große Mann mit den wilden Haaren und der roten Brille war zwischenzeitlich aus seiner Band Faith No More geworfen worden und durfte daher endlich einige Gitarrenparts für Voodoocult einspielen. Er begab sich sogar gleich mit Phillip auf große Promotionreise durch Deutschland und präsentierte das neue Werk bei Presse, Funk und Fernsehen.
Bereits in der Entstehungsphase dieses zweiten Albums von Voodoocult
, was schlicht den Bandnamen als Titel trägt, begann, hauptsächlich während des Aufenthaltes in Los Angeles im Oktober 1994, der Zerfall des Projektes, als nämlich die einzelnen Bandmitglieder sich gegenseitig zu attackieren begannen.
"Gabby ist Markus psychisch überlegen. Ich habe Markus mit Sicherheit nichts Böses angetan, aber Gabby sehr wohl. Allerdings habe ich gemeinsam mit Gabby Taif auf eine sehr sarkastische und zynische Weise hochgenommen und geärgert, ohne aber zu merken, daß er das sehr persönlich nahm. Dadurch kam ein tiefer Riß in die Freundschaft zwischen mir und Taif."
Im November kam auch Designer Dirk Rudolph in die Staaten, um die "tough guys" für die Promofotos abzulichten. "Dirk gibt mir einen alten Bürostuhl und plaziert die Band gegenüber dem Studio, direkt auf dem Bürgersteig", schreibt Boa damals in einer Art Notizbuch für den deutschen Rolling Stone, "Meine Haare sind fettig und ungekämmt, um nicht wie ein Poser auszusehen. Ich hänge auf dem Bürostuhl und langweile mich. Dirk ist abgepißt - er kommt elf Stunden geflogen um drei lustlose Musiker zu fotografieren; nur Markus ist guter Laune und diszipliniert."
Plötzlich hielt ein Polizeiauto neben der kleinen Ansammlung, L.A.-Cops umstellten sie mit der Begründung "Ihr stört den Verkehr". Einer der Bullen deutete auf Boa und sagte "Dieser Mann sieht aus, als ob er abkratzen würde" und Boa erwiderte "Hey, ich bin ein Popstar". Aber das ist wohl das, was einen Polizisten in Los Angeles am allerwenigsten beeindruckt und daher legte er dem Sänger Handschellen an, um ihn gegen die Wand gestellt zu durchsuchen. Als Gabby auch noch mit Beschimpfungen loslegte, konnte nur noch der in letzter Sekunde auftauchende Studioinhaber die Sachlage klären und die Jungs wieder an die Arbeit schicken.
Die Auflagen der zweiten Voodoocult
-Scheibe sind neben der CD und der MC auch eine limitierte Doppel-LP mit zwei Bonustracks. Als erste Single-Auskopplung kam im Januar When You Live As A Boy
als 12" Vinyl-Maxi zu den DJs in die Clubs, nicht jedoch in die Plattenläden. Das erste für diesen Song gedrehte Video, eine Art Banküberfall unter der Regie des Berliners Eric Will entstanden, wird von den Fernsehsendern als zu brutal abgelehnt. So begab man sich zum Zweitdreh mit der Firma Weisz & Friends in eine Hamburger Fabrikhalle, um mit viel Technik und einem schlammverschmierten Model ein neues Video zu drehen. Dieses sieht denn auch aus, als habe es in der Originalkulisse des Plattencovers gespielt, dennoch wurde die Single aufgrund ihrer Härte kein richtiger Erfolg.
The Stranger
basiert auf dem Buch "Der Fremde" von Albert Camus, ist jedoch eine Art Umkehrung der Sichtweise des Protagonisten.
Absichtlich hatte Phillip das Buch rückwärts durchgelesen, der Held des Songs sollte genau das Gegenteil des Helden im Buch denken und tun. Musikalisch ist das Stück zu 90% der zehn Jahre alte Voodooclub-Kracher Skull
, wenn auch noch härter und schneller. Coma In Cuba
, einer der Bonustracks auf der Vinyl-Version, ist die Boa Vision, daß die Amerikaner Kuba einnehmen.
"Exorzised By A Kiss
ist ein Tag in Malta, den ich wirklich erlebt habe. Es war ein unerträglich heißer Tag, ich habe einen Menschen ertrinken sehen, nachts hatte ich eine Schlägerei in einer Bar (dabei hat Eddy zugesehen ohne einzugreifen) und auf dem Weg nach Hause wurde noch jemand umgebracht."
Der härteste Text ist der zu Electrified Scum
, Boa hatte sogar Angst, die Lyrics im Booklet abzudrucken, "ich hätte damit leicht faschistisch interpretiert werden können".
Die wildeste Geschichte ist aber die von Cliffhanger On A Bloody Sunday
- hoffentlich wirklich nur eine Geschichte und nicht die Wahrheit:
"Im Sommer fährt man mit der Fähre von Malta nach Gozo in die laut 'Face' schönste Disco der Welt, 'La Grotta'. Dort habe ich getrunken und Ecstasy genommen und anschließend einen Jeep geklaut, der vor der Tür parkte. Der muß einem Vogeljäger gehört haben, denn es lag ein Gewehr darin. Ich bin ein wenig herumgefahren und habe schließlich ein paar Freeclimber, die an den steilen Klippen ihren Sport ausübten, mit dem Gewehr abgeschossen. Anschließend warf ich es ins Meer."


