HomeNewsLiveReleaseSongsHiStoryLoungeForumBlogLinks

Seitensprung oder Seelenspaltung?

Phillip Boa in Halle/Saale ´94

Foto by Markus Scholz

Im Frühling 1993, als der Voodooclub mit dem damals aktuellen Album Boaphenia auf Tour ging, reifte in Phillips Kopf der Gedanke, ähnlich dem Arzt Dr. Jekyll in Robert Louis Stevensons Roman "Dr. Jekyll und Mr. Hyde", seine zwei verschiedenen Musikerseelen zu trennen, und jedem Wesen sein eigenes Ausdrucksfeld zu geben. Er wollte durch seine "Droge", die Musik, gespalten, mit beiden Gestalten - Gut und Böse - an die Öffentlichkeit treten. Phillip Boa der Zwiegespaltene. War das nicht ohnehin die Realität? Allzuoft hatte man dies schon Berichten über ihn entnehmen können. Der Popstar, der am liebsten ein normaler Mensch wäre. Der Künstler, der Erfolg will, ohne kommerziell zu sein. Boa, der im Konzert als "Arschloch" beschimpft, dennoch aber von den Fans geliebt wird. Keine der beiden Seelen ist ein Heuchler, weder "Phillip der Headbanger", noch "Boa, der Bowie der Neunziger". Beides ist absoluter Ernst.

 

Eine Seite kennen wir, die des ehemaligen Indie-Papstes, der 1993 zwar nicht glattere, aber anerkanntere Popmusik spielt, obwohl er die Spielregeln der Musikbranche nicht eingehalten hat.

Pia Lund ´94

Foto by chaos

Waren da nicht des öfteren schon Geschehnisse in dieser Karriere, die uns aufhorchen ließen? Zeichen einer zweiten Seele? Der verborgenen, der bösen? Dinge, die niemand verstand, über die sich die Medien ihr blutrünstiges Maul zerrissen? Sprüche und Taten, die eben nur dieser kauzige Musikus sich herausnehmen durfte?
Endlich war die Zeit reif für seinen Beweis, daß niemand gezwungen ist, sich einem Image zu unterwerfen - am wenigsten er selbst. Popstar, pff - Phillip Boa kann keine Sekunde später ein ebenso echter "rockender Metaller" sein. Beides ist die Wahrheit und beides ist er selbst. Zeit seines Lebens war und ist seine innere Zerrissenheit allgegenwärtig - zum Leidwesen all derer, die mit ihm arbeiten, seiner Freunde, seiner Familie. Nie weiß man, welchem Boa man gerade begegnet.

 

Phillip Boa ´94

Foto by chaos

Für ihn selbst jedoch ist dies eine Quelle der Kreativität, wesentlicheres Rezept seines Erfolges, als es bewußte Absicht und Kalkulation sein könnten. Geradezu selbstverständlich daher, daß er, nachdem die Idee eines "lauten und bösen Projektes" zu wachsen begann, diese in einem Gesamtkonzept verwirklichte und gleichzeitig ein neues Album "filigraner Pop-Kunstgebilde" mit dem Voodooclub, sowie eine Platte voll brachialer Metal-Gewalt unter dem Namen Voodoocult produzierte.

 

Für Phillip Boa keineswegs ein Alibi seiner Fähigkeiten, sondern vielmehr ein Mosaikstein im Erscheinungsbild dieses komplexen und komplizierten Künstlers und für ihn die einzig logische Präsentation der Spaltung seiner zwei verschiedenen Musikerseelen.