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Live hoch 2
Live hoch 2
Letzte Konsequenz und nicht einmal in Frage gestellt, war der abschließende Schritt dieser doppelten Darstellung:
Die Touren der beiden Projekte mußten gleichzeitig stattfinden und daher zog man im April 1994 mit einem riesigen Tross durch Deutschland, spielte je zwei Tage in einer Stadt, mit einem Auftritt von Phillip Boa & The Voodooclub am ersten und von Voodoocult am darauffolgenden Abend. Vorgruppen waren für den Voodooclub die Münsteraner Instant Karma, für Voodoocult die skandinavischen Metal-Helden von Tiamat. Auftakt war einmal mehr die deutsche Voodoo-Hochburg Halle/Saale, wo zweimal zwei Konzerte stattgefunden haben, wovon das allererste bereits wenige Monate später auf einem CD-Bootleg verewigt aufgetaucht ist.
"Die ganze Tour war wahnsinnig anstrengend und ich fühlte mich auch nicht wirklich wohl," rekapituliert Boa. "Ich kam mit der Situation nicht richtig zurecht, zwei verschiedene Sänger, aber denselben Menschen zu verkörpern. Trotzdem hatte das Ganze eine gewisse Spannung und eine gewisse Einmaligkeit." Zur Besetzung des Voodooclubs zählten anno 1994 noch immer Pia und Taif sowie Waldemar, außerdem waren die beiden Schlagwerker Monk und Moses mittlerweile etablierte Bandmitglieder.
Keyboarder Malte kletterte mit seiner eigenen Band Selig die Erfolgsleiter derartig schnell hinauf, daß für andere Tätigkeiten keine Zeit mehr blieb und man als Tastenmann Toett in die Band holte, der in den Achtzigern mit seiner Band Christian Hound bei Constrictor unter Vertrag gewesen war.
"Das Jahr mit Malte war sehr toll, er war immer gut drauf, hat gut gespielt und gut in die Band gepaßt. Es war schwierig ihn zu ersetzen und nach langem Suchen kamen wir auf diese alte und sagenumwobene Dortmunder Legende: Toett", lobt Phillip seine Keyboarder. Die Voodoocult-Livebesetzung bestand aus den doppelt auftretenden Boa, Taif und Waldemar, sowie Gabby Abularach und Dave Lombardo. Nach der Doppeltour begann Boa, der nun wesentlich ausgeglichener wirkte und seine Zukunft gradliniger anzugehen schien, wieder einmal, "im Band-Umfeld aufzuräumen".
Dazu gehörte unter anderem, diejenigen aus dem Voodoocult, welche nicht genügend Zeit aufbringen konnten, zu verabschieden. Dave Lombardo mußte aufgrund eigener Bandaktivitäten schon vor der großen Chance einiger Shows im Vorprogramm von Sepultura im Juli '94 durch Markus Freiwald ersetzt werden. Markus, ein junger Dortmunder, war auf Empfehlung seines Ex-Despair-Kollegen Waldemar zur Band gekommen. Später wurde auch Waldemar von beiden Voodoo-Truppen freigestellt, und von nun an zählte Chris van Helsing an der Gitarre zum offiziellen Voodooclub-Line Up, verschiedene andere Gitarristen spielten bei Voodoocult.
"Die Auftritte zusammen mit Sepultura, Henry Rollins und Orbituary waren sehr toll. Mit Markus in der Band wuchs das Projekt Voodoocult schon fast zu einer Art Familie (Band) zusammen. Wir sind gut angekommen, es war alles nicht mehr so gezwungen und konstruiert wie vorher." Um Boas physischen Zustand hingegen kümmerte sich seit dem Start der Doppeltour unter anderem eine Art "Bodyguard". Eddy Kante (zwölf treue Jahre im Dienste von Udo Lindenberg auf dem Buckel) war fortan immer dann zur Stelle, wenn Phillip in Schwierigkeiten geriet, sei es auf Tour (bei einem kleinen Ausraster in einer Glauchauer Hotelbar), oder auf Malta.
Bei einer Schlägerei in einer Einheimischen-Bar nutzte er seinem Künstler dennoch recht wenig, denn Phillip kugelte sich mit einem Türsteher bereits auf dem Boden, wurde schließlich von einem zweiten Türsteher hinterrücks ausgeknockt - als Boa wieder wach wurde, stand Eddy immer noch in aller Seelenruhe seinen Longdrink umrührend an der Theke, voll überzeugt, die Situation im Griff zu haben.
Waren allerdings gerade keinerlei Schwierigkeiten in Sicht, konnten Künstler, Band und Crew dennoch fest davon ausgehen, daß sich dies in Eddy's Anwesenheit spätestens innerhalb von zehn Minuten zum Gegenteil wenden würde. Eddy schien in dieser Beziehung eine magische Anziehungskraft zu besitzen. Sogar Boas schlechten Auto-Fahrstil konnte Eddy Kante toppen: auf dem Weg von einem zum nächsten Auftritt beschwerte sich Boa, Eddy möge bitte nicht so dicht auffahren. Enttäuscht blickte Eddy zu seinem Beifahrer hinüber, "Ich fahre nie zu dicht auf". Im selben Moment krachte es: Auffahrunfall. Während auf der Rückbank Pia und Moses in schallendes Gelächter ausbrachen, klappte Phillip sicherheitshalber die Sonnenblende herunter, damit die verschreckte Hausfrau auf keinen Fall den Popstar erkenne.
Andere Menschen hingegen schienen es zu genießen, wenn sie mit dem Popstar kollidierten. In Bremen wagte Phillip sich gegen Ende des Konzertes in den Fotograben, um den Zuschauern die Hand zu reichen. Einige Fans schienen die Nähe nicht zu verkraften, sie rissen Phillip mit aller Gewalt an den Haaren, so daß diesem nichts anderes übrig blieb, als blindlings mit der Faust in die Masse zu prügeln. Nach dem Auftritt versuchte Eddy die betroffenen Zuschauer in die Garderobe zu holen, da Phillip sich bei ihnen entschuldigen wollte. Ein Mädchen jedoch konnte ihren Freund nicht mehr finden, dieser rannte nämlich durchs Foyer und grölte stolz, wie klasse es sei, daß er von Phillip Boa geschlagen worden sei.
Am selben Abend stellte Eddy Kante außerdem seinen Ruf als Partylöwe der Voodoo-Kompanie unter Beweis. Ausufernde Gelage wurden bevorzugt in seinem Hotelzimmer veranstaltet, die größte Fete war der Abschlußabend der Doppeltournee in Bremen. "Phillip hatte das größte Zimmer, aber alle dreißig Leute mußten natürlich bei mir im Zimmer feiern. Gegen morgen war der Fußboden eine einzige Pfütze aus verschütteten Getränken, Taif wäre beinahe aus dem Fenster gefallen, während irgendwer die Fensterbank aus dem Fenster werfen wollte. Mittags wachte ich auf und neben mir lagen noch zwei Musiker von Tiamat, die bereits überall gesucht wurden. Als ich dann das Zimmer sah, hatte ich in Sekunden meine Tasche gepackt, in der Lobby Phillip eingesammelt und bin abgehauen. Phillip fragte, was ich gemacht habe und ich sagte nur 'Ich? Das habt Ihr gemacht! Du hättest mal das Zimmer sehen sollen. Ich zahle dafür keinen Pfennig.' Typisch: Alle konnten drüber lachen, nur ich nicht, weil es auf meine Kosten passiert ist."
Nach den letzten Konzerten im September 1994 veröffentlichte Rough Trade "The Final Remixes" von den Krupps, für welches namhafte und angesagte Bands ihre Interpretationen von 16 Stücken der Düsseldorfer "Industrialisten" um Jürgen Engler geremixt haben. Neben Paradise Lost, Sisters Of Mercy, Clawfinger oder Waltari findet man auf der CD im silbernen Digipack auch einen Mix von Phillip Boa und M.D.Moses, sie wählten den Song "Bloodsuckers".
Ebenfalls bei Rough Trade erschienen sind die Single "Fight" und das Album "Armourer" von Mao-Tse-Tung-Experience. Dahinter steckt kein anderer als Boas alter Kumpane Thomas Hermann sowie Thomas Lüdke von Invincible Spirit. "Prince Phillip" hatte im Jahre '87 die Gitarre für einige Stücke ihrer Scheibe "Current News" eingespielt und im Gegenzug hatten die beiden vor vier Jahren eine Techno-Coverversion von Kill Your Ideals aufgenommen. Auch diesmal verewigte sich Phillip Boa wieder mit der Gitarre, Dirk Rudolph einmal mehr durch sein Cover-Design.
Im November entschied der neue Product Manager bei Motor Music, Chris Reinecke, eine Reihe von Stücken, die Phillip in der Zwischenzeit neuaufgenommen oder abgemischt hatte, zusammenzustellen. Diese Maxi-CD, The Rock Club Mixes
bekamen zahlreiche DJs zur Verfügung gestellt, sowie alle Fanclub-Mitglieder als Geschenk. Die beiden Versionen von Fine Art In Silver
und Kill Your Ideals
wurden zusätzlich auf die konstant sehr gut verkaufende Boaphenia-
CD gepackt.




