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Die Tour


Die Tour

Trotz des Voodoocult-Projektes kehrte der Voodooclub erfolgreich auf die Bühne zurück. Bis auf wenige Ausfälle begleiteten begeisterte Fans den Weg durch die Republik, nur in den ländlichen Gegenden mußte die Band manchmal einen Rückgang der Zuschauerzahl hinnehmen. "Pahlen war schlimm", erzählt Chris van Helsing, "mitten in der Woche kann man dort keine Jugendlichen ins Konzert locken, weil die alle in der Stadt arbeiten oder studieren. Wir hatten also - womit wir vorher zugegebenermaßen nicht gerechnet haben - nur zirka dreihundert Zuschauer. Phillip hat dann aus Spaß alle Leute eingeladen, sich am Tag darauf kostenlos noch das Konzert in Lübeck anzuschauen; wer wollte konnte sich am T-Shirt Stand auf die Gästeliste schreiben lassen. Und das haben richtig viele Leute auch gemacht."

Foto by chaos

Taif Ball

Musikalisch war die She-Tour sicherlich eine der besten, ein eingespieltes Team, eine teure Produktion für Licht und Sound, sowie ein ausgewogenes Verhältnis alter und neuer Titel auf der Setlist. Sogar die F.A.Z. wußte dies zu würdigen und schrieb über den Auftritt in Neu-Isenburg: "Boas Präsenz wird mit jedem Lied stärker. Wie ein fehlprogrammierter Roboter zuckt er über die Bühne, seine Arme wedeln zackige Signale. Obwohl das eher an eine Anti-Performance erinnert, überzeugt ihre selbstverständliche Lässigkeit. Wie Satelliten umkreisen sich Boa und seine liebliche Gesangspartnerin Pia Lund; wenn sie ihr Keyboard verläßt, steht sie als optischer wie akustischer Gegenpol zum Schamanen Boa ebenso im Mittelpunkt. Phillip Boas Definition von Ästhetik umfaßt gleichermaßen Romanzen und Leid; seine englische Lyrik ist persönlich, hat sich von kryptischen Versteckspielen verabschiedet.

 

Er spielt mit Worten und Bildern, zitiert Joseph Roth und François Truffaut. Als Moralist philosophiert er über wahre Werte, als zynischer Beobachter rechnet er mit Kultur und Gesellschaft von 1996 ab. Nebenbei erklärt Boa vereinzelten Nörglern im Publikum den Unterschied zwischen Hitparaden-Techno und den treibenden Beats, die der Voodooclub schon mehr als zehn Jahre pflegt. Der Provokateur mit Hang zur Publikumsbeschimpfung und zu großen Gesten gibt sich freundlich und abgeklärt. Souveränität hat die alte Fassade von Arrogranz und Zorn fallen lassen. Phillip Boa ist dadurch aber nicht berechenbar geworden. So entwickelt er die Magie eines Künstlers, dessen individualistischer Stil keine Grenzen kennt."

Foto by chaos

Eddy Kante

Die Kombination Eddy und Boa garantierte auch 1996 wieder amüsante Begebenheiten am Fließband, wenn auch manchmal einer der beiden nur mit einem blauen Auge davonkam. So erinnert sich Eddy nur ungern an seine Tätigkeit als Chauffeur: "Während der Tour fuhr ich das Auto, in welchem Boa und der Tourmanager mitreisten. Wie das so ist, fährt man ab und an auf eine Tankstelle. Ich tankte, brüllte Phillip hinterher 'Bezahl Du mal, bitte'. Beide kommen wohlgelaunt zum Auto zurück, Bifi und Zeitungen in der Hand und wir fahren weiter. Sechs Wochen später das Ergebnis: Vorladung wegen Diebstahls. Als ich dann die Polizei anrufe um nachzufragen, worum es geht, stellt sich heraus, daß keiner die DM 43.- bezahlt hatte, es aber ein nettes, kleines Video von uns gibt."

 

Nach der Tour , auf welche man als Support Acts Das Auge Gottes aus Schwerin sowie die Kölner Band Splitter mitgenommen hatte (Zitat Boa damals "irgendwie ist es schon komisch, daß wir von drei deutschen Gruppen die einzige sind, die englisch singt"), begannen einige Irrungen und Wirrungen. Von zahlreichen geplanten Festivals , unter anderem eines mit David Bowie in Halle/Saale, wurden letztendlich nur zwei Auftritte gespielt: das 2. Woodstage Open Air in Glauchau und die Headliner-Show am ersten Abend des zweitägigen Zillo-Festivals in Hildesheim.
Vom Open Air in Glauchau blieb Gitarrist Chris von Helsing und Security-Mann Eddy Kante vor allem der Auftritt von Umbra Et Imago in Erinnerung: "Eddy sollte für die Band schon mal nachsehen, wie das auf und hinter der Bühne alles so aussieht", erzählt Chris, "auf der Bühne standen gerade Umbra Et Imago und Eddy fielen beinahe die Augen raus, so daß er sogar Boa bat, sich das einmal anzuschauen!"
"Das, was ich dort gesehen habe, kenne ich nur aus gewissen Etablissements, wo man für die Stunde DM 500.- bezahlen muß. Der Sänger stocherte gerade mit dem Mikrophon unter dem Rock einer seiner 'Mitgespielinnen' herum und hat das Mikrophon wohl auch ... ach, weiß der Geier. Auf jeden Fall sagte Boa nur 'hoffentlich tauschen die die Mikros bis zu meinem Auftritt nochmal aus'. Daran hat er mich dann bis zu seinem Auftritt zirka alle fünfzehn Minuten erinnert."
Das Zillo-Festival hingegen bot Gefahren ganz anderer Art und das gleich zweifach. Zum einen wurde die Band Sekunden vor ihrem Auftritt wieder von der Bühne gescheucht, da man bei einem Zuschauer eine geladene Pistole gefunden hatte und nun nach weiteren Waffen suchte. "Eine Special Security-Einheit hat uns wieder in die Garderobe gebracht, während eine Hundestaffel über den Platz geschickt wurde", erinnert sich Chris van Helsing. "Einige von denen standen dann sogar neben uns auf der Bühne. Das war schon ein komisches Gefühl, wenn man daran denkt, daß da unten vielleicht einer steht, der dir gleich aus Neid oder Haß eine Kugel in den Kopf jagt."
Doch auch die Musikerkollegen waren nicht frei von Waffen und Attentat-Versuchen: die Berliner Rammstein hatten auf dem Hildesheimer Sportflugplatz die Garderobe in der Tower-Etage unter Phillip Boa & The Voodooclub. "Plötzlich tat es einen unglaublichen Knall, unter uns platzten alle Fensterscheiben und die Security stürmte in den Tower. Rammstein hatten aus Spaß aus ihren Feuerwerkskörpern eine kleine Bombe gebaut und damit ein wenig Aufmerksamkeit erzielen wollen."

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