HomeNewsLiveReleaseSongsHiStoryLoungeForumBlogLinks

Live '90 mit neuen Musikern

Phillip Boa - live in Halle/Saale (17.8.90)

Foto by Sylvie Enger

In diesem Jahr bestritten Phillip Boa & The Voodooclub zum ersten Mal eine Tournee mit einer Vorgruppe. Die englische Band "The Eat" war es, die Phillip Boa über George Jacksons Kontakte zum Cure-eigenen Label Fiction Records, bei welchem sie unter Vertrag standen, vermittelt wurde. "Eat waren sehr gut, nur etwas zu laut" erinnert sich Phillip "die haben das Publikum fast jeden Abend schon vorher taub gespielt. Aber sie waren sehr nett. Ihrem Gitarristen Paul habe ich am letzten Abend auch noch eine Gitarre abgekauft." Neben der traditionellen Tour zur neuen Platte standen 1990 auch diverse Festivals auf dem Programm - Phillip Boa war in diesem Jahr beinahe schon Dauergast auf den Open Air-Bühnen: "Come Together" in Xanten, "Womad" in Hamburg und zum jeweils zweiten Male beim "Bizarre" (als einer der Headliner neben The The und den Ramones) und in Roskilde (diesmal auf der Hauptbühne).

 

Der Rabe erinnert sich noch heute an Roskilde als eines der tollsten Festivals überhaupt. "Das ist wirklich unglaublich, wenn man auf der Hauptbühne eines solchen Festivals steht, vor 30.000 feiernden Leuten. Es ist einfach ein überwältigender Eindruck, wenn man so viele Zuschauer hat, daß man den letzten schon gar nicht mehr erkennen kann."
Pia hingegen bemängelt die Distanz, die duch die übergroßen Gräben bei solchen Festivals wie Bizarre oder Roskilde zum Publikum entsteht. "Es ist ein Hobby von mir, die Gesichter der Leute anzuschauen, weil ich das sehr interessant finde. Auf der anderen Seite kommt es, wenn die Leute direkt vor mir stehen auch vor, daß sie mich tierisch nerven, bis ich ihnen dann einfach ein Bier ins Gesicht schütte. Ich habe das schon öfter gemacht, weil ich diese Kerle hasse, die immer 'zieh dich doch mal aus' rufen. Und wenn das dann so ganz fiese Typen sind, kriegen sie schon mal einen Becher Bier ab.
Als Frau hat man es auf der Bühne ganz schön schwer und ist absolut nicht akzeptiert. Am allerwenigsten von Journalisten. Ich hatte am Anfang strohblonde Haare und hatte unheimlich damit zu kämpfen, daß man mir immer das 'blonde Dummchen' anhängen wollte. Deswegen gebe ich auch keine Interviews mehr, weil die mir immer dieselben Fragen gestellt haben. Warum ich mir die Haare blond färbe, oder was mit meiner Stimme sei. Irgendwann habe ich mir die Haare dunkel gefärbt, merkte aber dann, daß es nur eine Flucht war und ich mir von solchen Leuten doch nichts vorschreiben lassen muß.
Was meine Stimme betrifft: in der Musik finde ich es gut, denn entweder man liebt es oder findet es völlig schlecht. Und das ist o.k. Ich habe eine zeitlang eine Gesangsausbildung gemacht, aber man hat mir dann gesagt, daß die Stimme ihre Charakteristik mit einer klassischen Ausbildung sehr schnell verlieren kann. Und meine Stimme ist eben von Beginn an ein fester Bestandteil von Phillip Boa & The Voodooclub gewesen."
Das Bizarre-Festival '90 war der erste Auftritt, den man mit einem neuen Mann an der Gitarre bestritt, nachdem Phillip Boa seinem jahrelangen Gitarristen David Davidson kurz zuvor den Job gekündigt hatte. Sein Nachfolger wurde Ted Chau, ein Hongkong-Chinese mit britischem Paß, der bis dahin bei P.I.L. gespielt hatte und den man beim gemeinsamen Londoner Konzert kennengelernt hatte. Laut Phillip Boa hat sich David Davidson selbst aus der Band geworfen. Zum einen sei er musikalisch immer schlechter geworden, habe Akkorde vergessen und hinzu kam die Geschichte mit Nino De Angelo:
"David ist eigentlich ein netter Kerl. Aber er wollte mehr Geld verdienen und spielte deswegen noch in zahllosen anderen Bands und hat bei uns öfter mal Akkorde vergessen. Dann bekam er das Angebot, bei Nino De Angelo zu spielen und hat uns das aber nicht gesagt. Wir haben das durch Zufall erfahren, als wir ihn nämlich plötzlich bei einem Auftritt im Fernsehen gesehen haben. Da bin ich ausgerastet. Es war zwar einige Tage vor dem Bizarre-Festival und ich wußte nicht, ob wir so schnell Ersatz finden und ich wollte das Bizarre unbedingt spielen, weil es ein tolles Festival ist, aber ich habe ihn sofort rausgeschmissen und dann Ted Chau angerufen.
Als wir einige Monate vorher mit P.I.L. in London gespielt haben, hatte er uns gesagt, daß er gerne bei uns spielen würde. Er ist dann einmal pro Woche in das Büro unseres englischen Managers George Jackson gegangen und hat gesagt, daß er unsere Musik gut fände und daß unser Gitarrist schlecht wäre und ob er nicht bei uns spielen könnte - und dann kam er von einem Tag auf den anderen in die Band. Und Ted war wirklich ein guter Gitarrist."
Nur einige Monate später mußte sich auch Voodooclub-Bassist Max Nobel um eine neue Wirkungsstätte kümmern. Phillip hatte in den letzten ein, zwei Jahren festgestellt, daß Max' Baßspiel zwar recht gekonnt, nur vollkommen an der Band vorbeigespielt (uneffektiv) war. Pia erzählt, daß Phillip "im Wesentlichen auf einen konkreten Anlaß wartete, nach David auch Max zu entlassen, weil er eine 'Verbesserung der musikalischen Performance' anstrebte."
Die Gruppe sollte im August eine Tournee durch die damals gerade noch existierende DDR absolvieren, doch aufgrund der politischen Lage tauchten zahlreiche Probleme auf, so daß im Endeffekt nur ein Konzert stattgefunden hat. "Der einzige Auftritt, den wir in Halle gemacht haben, war toll. Das Publikum war wirklich verrückt. Aber es war damals mit den Eigentumsverhältnissen der Konzerthallen etwas problematisch und die ganze Organisation war sehr kompliziert und chaotisch, und dann wurde eigentlich die ganze Tournee abgesagt. Wir konnten nur diesen einen Auftritt spielen, obwohl wir gerade dort sehr viele Fans haben, wie ich auch heute noch aus den Briefen immer wieder sehe."

Und genau bei diesem Gig passierte die Geschichte, die Max Nobel seine Anstellung im Voodooclub gekostet hat. Nach dem Konzert begann er die Zuschauer am Merchandising-Stand anzupöbeln, weshalb sie Geld für Poster und dämliche Boa-Shirt ausgäben. Sie sollten ihr Geld lieber dafür investieren, den Sozialismus zu retten, sagte er - und verbrannte vor ihren Augen einen Fünfzigmarkschein. Als am nächsten Morgen wie üblich im Bus das Merchandising-Geld verteilt wurde und Pia ihm kein Geld gab, bekam er einen Wutanfall. Diese Unehrlichkeit wiederum gab den Ausschlag für Phillip Boa, Max Nobel aus der Band zu werfen.
"Was er am Abend gemacht hat, kann man alles noch akzeptieren, das ist seine politische Haltung. Aber was dann im Bus passierte, ist genau der Punkt, diese Unehrlichkeit, die ich hasse. Ich verabscheue diese verlogenen Linken, diese 'socialistic small talker', die behaupten, Sozialismus und selbst Armut sind gut, doch selber sind sie total geldgeil und egoistisch. Wären sie in der Situation, daß sie noch mehr Geld verdienen könnten, würden sie mehr ausbeuten, als andere."