Live '89
"Zwei Mann schuften wie die Berserker am Trommelset, ein Dritter zupft stoisch den Baß dazu. Der Vierte schlägt klirrende Gitarrenriffs drüber, während eine blonde Jungfer am Keyboard zur Saaldecke stiert, als ginge sie das alles nichts an und im B-52's-Stil elegische Melodien zirpt. Derweil tapst der riesige Frontmann eckig über die Bühne, grölt ins ungeschlachte Klanginferno und spielt mit polterndem Charme die Rolle des singenden Frankenstein-Monsters. Das Auditorium läßt Boa und seinen Voodooclub hochleben und alle hatten großen Spaß." (Konzertkritik, Hannover '89) Abermals standen, von der mittlerweile üblichen jährlichen Deutschland-Tournee abgesehen, Auftritte in England auf dem Programm und wiederum verliefen diese großartig. "Phillip Boa & The Voodooclub erinnern uns auf feinste Weise daran, was Rockmusik noch erreichen kann in den Fingern von empfindsamen menschlichen Wesen" hatte der Melody Maker in seiner Konzertkritik über das Konzert im Londoner "Marquee" geschrieben.
Nach wie vor hatte die Gruppe jedoch durch den Deal mit der Major-Company das Problem, daß die Promotion nicht vom britischen Büro aus gemacht wurde, wo man kein oder kaum Interesse an Phillip Boa hatte, obwohl die großen englischen Musikzeitungen über ihre neue Platte allesamt begeistert schrieben. Die gesamten Werbekosten zum Beispiel mußte die deutsche Abteilung übernehmen und als die Platte in England längst im Laden stehen sollte, konnte man sie nirgends finden.
"Keine andere deutsche Band hatte soviele 'Singles Of The Week' und soviel gute Presse in England und dann kam Polydor und hat das durch die ausländischen Abteilungen alles kaputt gehen lassen. Die erste Platte wurde gar nicht und die weiteren Platten erst viel später, sehr zögerlich und ohne großes Engagement in England veröffentlicht" kommentiert Phillip diese Pleite. "Die Auftritte waren sehr gut und hatten super Kritiken, aber das hat die überhaupt nicht interessiert. Die englische Polydor interessiert sich prinzipiell überhaupt nicht für deutsche Bands. Wenn du in Deutschland bei einem Major unterschreibst, gibst du deine internationale Karriere praktisch auf, weil die ausländischen Schwestern die deutschen Sachen einfach nicht fördern und verkaufen wollen."
George Jackson, der neue, in England ansässige Manager von Phillip Boa & The Voodooclub, machte sich in den britischen Plattenläden auf die Suche nach Hair, doch alles was er fand, war eine griechische Platte mit dem Titel 30 Years Of Blank Expression, einer Kopplung von "Philister" und "Aristocracie"-Songs, sowie einem Membranes-Stück, das bei der Überspielung auch noch verwechselt worden war. Eigentlich sollte die gemeinsame Coverversion der Membranes mit dem Voodooclub auf der Scheibe erscheinen, nun befindet sich fälschlicherweise allerdings das 86er Membranes-Original von "Spike Milligan's Tape Recorder" auf der Platte.
Thomas Hermanns Manager-Nachfolger George Jackson war es auch, der Phillip Boa mit The Cure auf Tournee schicken wollte. Als Very Special Guest sollten sie bei einigen europäischen Festivals und danach in Südamerika auftreten, was im Endeffekt aber leider nie geklappt hat. Ebenfalls als Support-Act sollten Phillip Boa & The Voodooclub eine England-Tournee von P.I.L. begleiten. Diese wurde jedoch zunächst immer wieder verschoben und fiel schließlich bis auf einen einzigen Gig im Londoner "Hammersmith Odeon" aus.
Genau sechs Wochen vor dem Mauerfall waren Phillip Boa und der Voodooclub zum ersten Mal für ein Konzert in der DDR. Aus zahlreichen Briefen und Hitparaden, die der Jugendradiosender DT64 erstellte, hatte man schon seit längerem erahnen können, wie beliebt die Gruppe dort war, doch das einzige DDR-Konzert war für die Band schlicht und ergreifend überwältigend. Thomas Zimmermann war es, der den Auftritt in der Ost-Berliner Werner-Seelenbinder-Halle organisiert hatte - und sechstausend Leute waren gekommen. Phillip Boa berichtet, daß dieses Konzert "der absolute Kult" gewesen sei.
Vor ihnen haben Jingo De Lunch gespielt, die dort auch nicht gerade unbekannt sind, doch an diesem Abend bekamen sie nur eine Reaktion: "BOA - BOA - BOA !!!". Und als dieser endlich auf die Bühne kam, rastete die Masse völlig aus. "Das Konzert hat historischen Wert", so Boa (Jahre später ist eine Bootleg-CD mit der Radio-Aufnahme dieses Konzertes entstanden).


