Live '88
Neben Auftritten quer durch Deutschland führte die im April begonnene Tournee Phillip Boa & The Voodooclub während der folgenden Monate für einige Auftritte auch nach Österreich, Holland, Skandinavien und England, sowie in die wohlgemerkt französische (!) Schweiz. Außerdem spielten sie auf dem Bizarre-Festival auf der Loreley und boten dort den Zuschauern ein wahrhaft "bizarres Erlebnis".
Als ihr Set eigentlich zu Ende war, wollte Phillip Boa noch einen weiteren Song spielen. Ein in Richtung Bühne stürmender Veranstalter, der darauf hinwies, daß die Zeit vorbei sei, wurde zuerst durch Phillips Anfeuerung des Publikums gebremst "Die wollen, daß wir aufhören, wir wollen aber noch Diana spielen..."; schließlich rannte Boa sogar mit seinem Mikroständer bewaffnet auf den Mann zu, um notfalls mit Gewalt seinen Abschluß-Song durchzusetzen. Was für manch einen Fernsehzuschauer vielleicht gestellt ausgesehen haben mag, war in Wirklichkeit todernst gemeint.
"Das ist das, wovor ich (und eigentlich auch die gesamte Crew) immer Angst habe" berichtet Pia. "Vor diesen aggressiven Ausrastern und diesem Handgreiflichwerden. Man muß immer befürchten, daß wieder etwas passiert. So kam es zum Beispiel auch schon vor, daß er, als sein Gitarrenverstärker ausfiel, diesen in Richtung Roadie gedonnert hat - und der ist daraufhin abgehauen. Wenn die Leute so etwas sehen, muß er sich schon darüber im Klaren sein, daß er dann als Arschloch bezeichnet wird."
"Ein Sänger, der völlig 'normal' ist, ist für den Zuschauer uninteressant. Der ist dann nämlich in keinster Weise charismatisch und ausdrucksstark" ergänzt Schlagzeuger Voodoo. "Das ist dann der Kumpel von nebenan und den will der Konsument ja gar nicht sehen. Der will schon jemanden, der völlig anders ist, der auf der Bühne ausflippt und der einfach das macht, was man selber sich nie trauen würde."
Phillips Schwester berichtet, daß er auch vor seiner musikalischen Karriere schon sehr eigen gewesen sei und daß seine Art, sich zu geben alles andere als gespielt ist. "Man muß sich schon auf ihn einstellen und es ist nicht gerade einfach, mit ihm auszukommen. Aber jeder hat schließlich Fehler. Und wenn man diese berücksichtigt - was er bei anderen Menschen schließlich auch tut - kann man sich auch mit Phillip sehr gut verstehen, weil er eigentlich gar nicht so ist, wie ihn die Presse immer darstellt. Er weiß halt sehr genau, was er will, verwirklicht sich selbst in der Musik, ohne sich an den Markt anzupassen und damit haben viele Leute Probleme.
Auf der anderen Seite hat er schon einen Knall und war auch schon immer etwas abgedreht. Er ist sehr starrköpfig und manchmal sehr unberechenbar, launisch und dann auch sehr aggressiv. So wollte er zum Beispiel in der Schule einmal einem verhaßten Mitschüler einen Stuhl ins Gesicht werfen. Der duckte sich und der Stuhl krachte durchs Fenster. Es ist sehr schwer, ihn zu verstehen, weil er auch sehr viel nachdenkt und sich dann überhaupt nicht mehr für normale oder banalere Dinge interessiert, weil ihm das zu oberfächlich ist. Er lebt in einer eigenen Welt und manchmal ist es sehr schwer, wirklich bis zu ihm vorzudringen. Er ist auf jeden Fall ein Mensch, den man nur sehr schwer beschreiben kann und mit dem man auch nicht sehr leicht klarkommt."
An ein Beispiel dafür, daß Phillip aber auch ganz anders sein kann und nicht nur "der böse Bube" ist, erinnert sich der Rabe: "Phillip versucht ja auch manchmal, freundlich zu sein, selbst wenn die Öffentlichkeit das mitkriegen könnte. Und als wir in Holland gespielt haben, sind wir an einem Morgen alle zusammen am Strand spazieren gegangen. Und dann war da ein kleiner Junge, der einen Fußball vor sich herkickte und Phillip schoß den Ball zu ihm zurück und der Kleine hat echt einen Salto gemacht... Phillip wollte wirklich nur freundlich zu dem Jungen sein, aber leider hat er ihn abgeschossen. Der ist dem Ball entgegengelaufen, draufgetreten und hingefallen. Wahrscheinlich hat sich Phillip danach gesagt, es bringt nichts, freundlich zu sein."
Auch auf der Tournee '88 hatte man wieder einige zum Teil folgenreiche Erlebnisse. So zeigt beispielsweise Phillip Boas Nase noch heute Spuren eines Zusammenpralls mit einer zu niedrig gebauten Treppe auf dem Weg in den Backstageraum des Kasseler Musiktheaters.
"Also, die Geschichte, daß ich mir angeblich mit dem Mikroständer an die Nase gehauen hätte, ist faktisch falsch. Die Wahrheit ist: man mußte über diverse Gänge hinunter in die Garderobe und da waren die Decken teilweise zu niedrig - es wurde aber nirgends davor gewarnt. Ich mit meinen 1,93 bin dann irgendwann natürlich voll dagegen gerannt. Am selben Abend sind noch zwei andere Leute davorgelaufen, aber mich hatte es am schlimmsten erwischt.
Vor lauter Wut, weil das wirklich eine Unverschämtheit war, das weder abzukleben noch davor zu warnen, habe ich dann den Idioten gespielt und randaliert. Dann kam die Polizei, hat aber niemanden gefunden, weil ich im Krankenhaus meine Verletzung behandelt bekam und die anderen sich versteckt haben. Nachher mußte ich den ganzen Schaden aber trotzdem noch bezahlen."
