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Kill Your Ideals
Kill Your Ideals
Noch im April begaben sich Phillip Boa & The Voodooclub auf ihre erste Konzertreise nach England und absolvierten äußerst erfolgreiche Auftritte in London, Manchester und Brighton.
Neben den Konzerten auf der Insel gaben Phillip Boa & The Voodooclub noch einige weitere Auslands-Gigs (Wien, Amsterdam) und erhielten im Juni die Einladung, auf der Documenta in Kassel zu spielen. Einen Tag vor dem Konzert sagte Phillip Boa jedoch aus einer seiner spontanen Launen heraus ab - offizieller Wortlaut damals: "Boa-Konzert muß ausfallen - Voodoos Narbe geplatzt - Ersatzgig nächste Tour".
"Das war mein Beitrag zur Kunst. Aktionskunst. Jede Band träumt davon, bei der Documenta dabei zu sein und mein Beitrag zur Aktionskunst war: ein Popstar sagt Nein und zwar einen Tag vorher. Die Band wollte eigentlich spielen, aber für mich war es Kult, die Documenta mal eben abzusagen.
Das ist auch typisch für mich: Ich wollte nie der perfekte Popstar sein, sondern eben immer ein Kultstar. Das beinhaltet viele andere Dinge, zum Beispiel weiß ich viele Dinge aus unseren Anfangstagen einfach nicht mehr, oder habe sie absichtlich aus meinem Gedächtnis verbannt. Das ist auch gut so, denn das macht das Ganze ein bißchen mysteriös. Ich wollte immer nur Kultmusik machen und ich habe bis heute nicht begriffen, warum das auf einmal so 'abgeboomt' ist, und immer weiter in die Höhe ging."
Es folgten im Juli Auftritte beim legendären dänischen Riesen-Festival in Roskilde und in Burglengenfeld beim letzten der damals schon traditionellen WAA-Festivals. Im Sommer 1987 kam endlich ein erstes Longplay-Video von Phillip Boa & The Voodooclub auf den Markt, Two Years Of Blank Expression
betitelt. Ein halblegales Zeitdokument mit Auschnitten aus Live-Auftritten, Backstage-Szenen, Interview-Ausschnitten, Video-Clips und vielem mehr.
Als im September die offizielle Kill Your Ideals-Tour losging, bekam die Band zum ersten Mal zu spüren, bei was für einem großen Apparat sie nun unter Vertrag stand. So wurde und wurde die neue Single bzw. Maxi nicht fertig und Boa empfahl daraufhin den Leuten in den Konzerten, sich den Song aus dem Radio aufzunehmen, da die Platte noch nicht im Handel erhältlich sei. Für das Radio war der Song aber wahrscheinlich nicht soft genug, immerhin ist es das krachigste Lied der kommenden LP Copperfield , die im Dezember veröffentlicht wurde. Auch auf dieser Tournee erlebte man wieder einen Phillip Boa, der sich wahrhaftig nicht bemühte, in die Schablone eines 08/15-Popstars zu passen.
Als die Gruppe zum Beispiel das "Longhorn", eine Stuttgarter Konzerthalle, erreichte, fand dort gerade ein Square Dance-Kurs statt. Neben der Tatsache, daß ein Soundcheck zur gleichen Zeit wohl unmöglich war, kam hinzu, daß die Halle mehr als ungünstig liegt und nur schwer zu finden ist und zuguterletzt auch der Vorverkauf sehr schlecht war. Phillip Boa, wütend und enttäuscht, verschwand daraufhin spurlos. Während der Rest der Crew ihn zu suchen begann, war er bereits am Hauptbahnhof angelangt und betrank sich.
"Er wurde nach mehreren Stunden besoffen bei den Pennern am Bahnhof gefunden, wo er mit einem Flachmann in der Hand in der Ecke saß und mit denen um die Wette gegrölt hat" erinnert sich Pia. "Das war echt grausam und ist eigentlich auch das gewesen, wovor alle immer wieder Angst hatten, weil er auf Tour einfach unberechenbar ist. Er ist ein absoluter Perfektionist und wenn etwas schief geht, rastet er aus. Meist mußte ich es dann ausbaden, weil er es logischerweise an mir ausließ.
Überhaupt ist es als einzige Frau mit den ganzen Männern nie einfach. Ich übernehme immer auch so eine Art psychologische Betreuung. Und bei Phillip ist das halt ganz extrem. Er ist auf Tour eigentlich unerträglich und da gab es wirklich schon die schlimmsten Streitereien. Ich kann es aber mittlerweile unheimlich gut abschätzen, wann er wieder einen Ausraster kriegt. Das ist unglaublich stressig und ich verkrafte das psychisch auch kaum, aber umso glücklicher sind natürlich alle, wenn ein Konzert dann gut gelaufen ist und der Mensch ist glücklich - dann haben wir auch eine Menge Spaß."
Eine nicht unwesentliche Rolle bei Phillip Boa & The Voodooclub spielte vor allem bei Live-Auftritten und Tourneen auch immer der Alkohol. Nicht nur, daß Phillip sich in den Anfangstagen vor einem Auftritt meist so viel Mut antrinken mußte, daß dies auch nachher auf der Bühne des öfteren spürbar wurde, auch sonst waren es nicht wenige Liter, die über die Jahre die Kehlen der Musiker hinunterrannen.
"Das ist natürlich auch eine Lernphase" berichtet Pia. "Man probiert das natürlich aus. Aber irgendwann merkt man dann, daß man nur noch schlecht ist. Man vergißt einfach alles. Das ist genauso wie mit Drogen. Mir ist es eigentlich egal, was nach einem Konzert passiert, das muß jeder selber wissen. Wichtig ist, daß auf der Bühne alles klappt und daß am nächsten Tag alle wieder fit und gut gelaunt sind."
Für Außenstehende hat sich da schon das eine oder andere lustige Bild ergeben. Als zum Beispiel Tim Renner seine bei Polydor neu unter Vertrag genommene Band im September '87 in Mainz das erste Mal live sah, hatte sich Phillip Boa nach einem eher schlechten Auftritt mit einer Whiskeyflasche in eine Ecke verzogen. Als er schließlich aufstehen und zu Tim Renner gehen wollte, fiel er einer Pappfigur gleich zur Seite und blieb regungslos liegen. Da die gesamte vertragliche Seite mit Polydor noch nicht hundertprozentig abgeschlossen war, dachte Tim Renner im ersten Moment darüber nach, wie die Zukunft dieser Band wohl werden würde. "Die Musik ist toll, aber live sind die ja so schlecht..! Ob wir mit denen wirklich einen guten Deal machen?"

