Indie Goes Major... der Polydor-Deal
Verrat schrien sie alle, als auf einmal herauskam, daß ausgerechnet Phillip Boa & The Voodooclub bei einer Majorcompany unterschrieben hatten. Artikel über Artikel verfluchten den ehemaligen "Independent-Papst", der es gewagt hatte, sich mit der Kommerz-Industrie einzulassen.
Tim Renner, damals für Boa zuständiger Produktmanager bei Polydor, später Abteilungsleiter der immer weiter vergrößerten Polydor-Unterabteilung Progressive Music und heutiger Geschäftsführer des PolyGram-Labels Motor Music, blickt zurück, wie dieser Deal überhaupt zustande kam: "Es muß ungefähr im März 1987 gewesen sein, daß ich Boa unter Vertrag nehmen wollte. Ich war gerade neu bei Polydor eingestellt worden und sollte frischen Wind in diese Schlager-Firma bringen. Nach Element Of Crime war Boa die zweite Band, die ich nach meinem Antritt im August schließlich gesignt habe. Boa ging ja damals durch die ganze Presse, weil er gesagt hatte 'wenn wir unsere Unabhängigkeit verlieren, dann wollen wir auch ganz viel Geld dafür' und sein Manager hatte die Musik bei den Major-Firmen angeboten - allerdings verbunden mit der unverschämten Forderung nach 300.000 DM Vorschuß. Das war bahnbrechend und wurde natürlich überall berichtet.
Ich hatte vorher für Musikzeitungen geschrieben und kannte daher Thomas Hermann und habe dann über ihn Kontakt zu Boa aufgenommen, weil ich die Aristocracie gehört hatte und die Platte absolut super-toll fand. Das erste Treffen mit Thomas Hermann und Phillip Boa verlief sehr gut, ich stellte außerdem erstaunt fest, daß ich auch deren Graphiker, Dirk Rudolph, schon seit Jahren kannte, und dann haben wir beschloßen, daß wir es zusammen versuchen." "Tim Renner war sehr hartnäckig" ergänzt Phillip Boa. "Er hat uns ganz einfach davon überzeugt, daß er genau der richtige Mann ist.
Er kommt selbst aus der Indie-Szene, ist eigentlich eher ein Anarchist, ein provokativer Anarchist mit friedlichen Visionen. Und die Abteilung war auch immer eher ein Indie-Label, manchmal sogar schon zu independent - aber eben mit einem perfekten Vertrieb.
Ich denke, ich bin der Zeit auch immer ein bißchen voraus, weil ich schon damals gesehen habe, daß sich die Indie-Szene selbst zerstören wird. Tim Renner war auch einer der ersten, die da umgedacht haben. Etwas später waren doch alle sogenannten Alternative-Bands bei Major-Labels unter Vertrag - Nirvana, Sonic Youth, Faith No More, Pearl Jam, Ministry...
Ein Indie-Label hat auch immer Geldschwierigkeiten und bei mir hing ja noch die ganze Existenz von Constrictor mit dran. Es ging eben darum, sich Geld bei den Großen zu holen, um den Kleinen zu helfen. So ein bißchen wie Robin Hood. Außerdem ist es nun wirklich nicht der Traum einer Rock'n'Roll-Band, auf Tour immer nur einen Sandwich pro Mann beim Catering zu bekommen oder in den hinterletzten Rattenlöchern zu schlafen. Man möchte natürlich von der Musik leben können, denn nur dann kann man sich ganz und gar der Musik widmen.
Es kommt immer auf die Musiker selbst an, ob sie ihre Geschäfte selbst kontrollieren und steuern können. Das ist independent. Wer die Platten letztlich verkauft, ist dabei doch egal. 'Independent-Papst' - so fühle ich mich heute eigentlich immer noch."
Passend zu diesem Umdenken hieß denn auch die erste bei Polydor veröffentlichte Single Kill Your Ideals - bis heute die Boa-Hymne schlechthin. "Kill your Ideals ist ein Aufruf: Zurück zur Natürlichkeit, zurück zur Ehrlichkeit. Es ist ein Appell an alle, mich inbegriffen, sich selbst zu reinigen, zurück zum Kind, zum Naiven und danach alles mit neuen Augen anzuschauen. Von Zeit zu Zeit sollte man seine Ideale überprüfen, ob die Werte noch richtig sind, oder ob man sich neue Ziele suchen, neue Maßstäbe anlegen muß. Da man ständig manipuliert wird, muß man ab und zu mal über alles, Gott und die Welt, Gesellschaft und Politik, die Medien, die Familie meditieren. Sozusagen eine ideologische Generalüberholung."

