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Hispañola
Hispañola
Das berühmte Schiff aus Stevensons "Schatzinsel" stand Pate für den neuen LP-Titel, Hispañola , oder auch eines von Kolumbus' Schiffen. Auf jeden Fall entsprang die Idee dazu einem von Phillip Boas Träumen von Freiheit und Abenteuer. Eine Welt, in die er sich immer wieder in Gedanken geflüchtet hat und die wiederum sehr viel mit seiner unglücklichen Kindheit und Jugend zu tun hat. Die Welt der Literatur, der Romane, die ihn begeisterten.
Neben Robert Louis Stevenson findet man auf Hispañola
auch Jules Verne oder Ernest Hemingway. In Ernest Statue
zum Beispiel singt Boa darüber, daß für ihn und einen Freund bei der Bundeswehr einige Bücher von Hemingway das Einzige waren, an dem sie sich festhalten konnten, daß er diesen Freund aber nie wieder gesehen hat.
"Ich hatte bei der Bundeswehr große Schwierigkeiten, vor allem psychischer Art. Auch hatte ich die ganze Zeit über ziemliches Heimweh - wonach weiß ich nicht genau, wahrscheinlich einfach nach der Freiheit. Ich hatte ziemliche Depressionen und war zum Gruppenarzt gegangen, der hat mich komplett durchgecheckt und mir hinterher gesagt, ich hätte einen Gehirntumor. Ich habe ihm das natürlich geglaubt, schließlich war er ein Arzt und habe unheimlich darunter gelitten. Aber er hatte das nur gesagt, weil er dachte, ich wollte mich drücken. Dann kam hinzu, daß mich ein Feldwebel geschlagen hat, und ich ihn dann wiederum zurückgeschlagen habe, woraufhin ich einige Tage im Knast saß. Es kamen da mehrere Dinge zusammen, so daß ich schließlich entlassen wurde."
Das Album Hispañola
(aufgenommen in New York, Dublin, London und Dortmund) ist geschlossener und songorientierter als der Vorgänger Hair
. Von einigen Ausnahmen abgesehen ist diese Platte nicht so gewagt, die Lieder sind stilistisch zwar ebenso weit gefächert, was jedoch auf den ersten Blick nicht so eindeutig erkennbar ist. Während auf Hair
die gesamte Stilpalette noch nebeneinander präsentiert wurde, werden die verschiedenen Einflüsse auf Hispañola
eher gemischt in jedem Song dargeboten. Trotzdem gibt es auch auf Hispañola
wieder Lieder, die nicht beim ersten Mal im Ohr hängen bleiben, an die man sich gewöhnen muß, bis ihre bizarre Schönheit und ihre ganze Kreativität zum Vorschein kommen.
Love Hate Crap
ist ein Beispiel dafür. Ein Song, der auf der einen Seite Heavy Metal ist, auf der anderen Seite aber auch stark durch Richard Wagner beeinflußt. "Love Hate Crap
hat ein bißchen die Ambition, deutsch zu klingen, welche die meisten deutschen Bands nicht haben. Deutsch-Sein ist ja nicht immer nur schlecht, und die Klasssiker, dieses Schwere, Teutonische, das ist etwas, was in der Rockmusik gut ist. Ich will nicht wie eine Ami-Band klingen, meine Ambition war immer auch, diese deutsche Seele zu vertonen."
Auf Hispañola
findet man auch den einzigen deutschsprachigen Phillip Boa-Song, König Hedon
. Die Fans waren geteilter Meinung, die einen wollten weitere Lieder mit deutschen Texten, andere sagten, er solle lieber weiterhin Englisch singen. Phillip selbst macht die Sprache, die er für einen Text wählt, von der Musik abhängig - und deshalb ist und bleibt König Hedon
vorerst das einzige deutschsprachige Lied.
"Das hatte sich bei der Musik angeboten. Ich kann nicht auf jede Musik einen deutschen Text machen. König Hedon
hatte eigentlich einen englischen Text, den ich dann übersetzt habe, weil es einfach sehr gut gepaßt hat. Zu der Zeit hatte ich aber meist erst einen Song und habe dann den Text gemacht. Heute ist es ein bißchen anders. Ich möchte auch irgendwann eine ganze Platte mit deutschem Gesang machen, aber die wird experimenteller sein."
Phillips älterer in Kalifornien lebender Schwester ist der Song I Don't Need Your Summer
gewidmet, quasi als Antwort auf einen Brief, den sie ihm geschrieben hat. "Ich habe sie gefragt, ob sie glücklich sei in Amerika und sie hat mir zurückgeschrieben 'In Amerika ist man nur glücklich, wenn man reich ist'. Und um diese Aussage, die ich ziemlich faszinierend fand, dreht sich der Song. Es geht darum, ob ich sie besuchen soll oder nicht und dann sage ich 'Ich brauche Deine Art von Sommer nicht. Ich habe lieber ein dreckiges Gesicht und wasche das mit kaltem klarem Wasser'..."
Dieser Song wurde im Oktober '90 ausgekoppelt, als limitierter Official Fan-Bootleg
, lediglich als Maxi und mit einer limitierten Auflage von 2.500 Stück. Nachdem die Band den Motown-Rock-Mix davon aufgenommen hatte, sollte die Platte veröffentlicht werden, was sich aber immer wieder verzögerte. Schließlich drohte Boa an, den Song selbst zu veröffentlichen - als Bootleg - woraufhin das Erscheinen der Maxi endlich angekurbelt wurde. Eine recht kuriose Maxi erhielten auch die ersten 30.000 Käufer der Hispañola
-LP: sie enthält eine einseitig bespielte (!) Bonusscheibe, u.a. mit einer Coverversion des T.Rex-Titels Solid Gold Easy Action
. Bis dato erst die dritte Coverversion, die Phillip Boa & The Voodooclub im Laufe ihrer Karriere veröffentlicht haben, neben der Kill Your Ideals
-B-Seite mit Arthur Browns Fire
und dem Hair
-Bonustrack Waiting For My Man
von Velvet Underground.
Als Transportmittel zur Schatzinsel entpuppte sich Hispanola
auch für Phillip Boa: man konnte mit diesem Album zum ersten Mal die unsichtbare Mauer durchbrechen und mehr als 100.000 Schallplatten verkaufen, in den Verkaufs-Charts notierte man Platz 14. Im ME/Sounds wurde Hispañola
- wie auch bei Fachblatt, Tip, Bravo, Hörzu, div. Stadtmagazinen etc. - "Platte des Monats bzw. der Woche" und Gastkritiker Ray Davies (ehemaliger Kopf der Kinks) beurteilte das Album folgendermaßen:
"Endlich etwas Menschliches. Wunderbar, daß eine Platte wie die von Phillip Boa tatsächlich noch Hörer findet. Ich werde Phil Collins, Chris De Burgh, Sting und Peter Gabriel dazu zwingen, sich hinzusetzen und diese Musik zu hören - notfalls als Maßnahme des musikalischen Re-Education-Programmes, auch mit roher Gewalt. Besser noch: Als Präsident ihrer Plattenfirma würde ich sie dazu zwingen, je einen Song dieses Albums zu covern."
Ähnlich positiv war die gesamte Resonanz im Medienbereich, noch ein Zitat als Beleg: "Der Mann, der nie daneben klingt. Phillip Boa ist das deutsche Pop-Phänomen: seine Tonkunst ist von derart konstanter Güte, daß Langeweile zu befürchten ist, wenn nicht bald ein musikalischer Flop herauskommt. Auch das fünfte Album Hispañola
enthält Einfälle ohne Ausfälle!"
Hispañola
wurde ein Erfolg, den Boa fünf Jahre zuvor niemand zugetraut hätte - am wenigsten er selbst. Dank seiner Zielstrebigkeit, mit der er seine Ideen und Ziele verfolgt, hatte er es nun allen zeigen können, die ihm früher Hype vorgeworfen hatten und behaupteten, er würde ebenso schnell wieder von der Bildfläche verschwinden, wie er gekommen war.
Aber Phillip Boa hat es noch nie leicht gehabt mit Journalisten und anderen Medienmenschen. Es kommen dabei mehrere Dinge zusammen: seine Angst, daß etwas, was er sagt, in der Öffentlichkeit falsch verstanden werden könnte, oder sein Mißtrauen gegenüber Fremden, die ihn eventuell mit hinterhältigen Fragen linken wollen. Boaschlangen sind zwar ungiftig, dafür aber gefährliche Würgeschlangen - und eine solche Boa ist auch Phillip. Abgesehen von der Tatsache, daß er sich gekonnt an bestehenden Hindernissen und Grenzen vorbei durch das Popbusiness schlängelt, hat schon so mancher Journalist seinen Würgegriff zu spüren bekommen. Fühlt er sich angegriffen, wehrt er sich getreu dem Motto "Angriff ist die beste Verteidigung", um seinen Gegner in einer blitzschnellen Attacke unter seiner Kontrolle zu haben.
Es waren mit Sicherheit mehr als eine handvoll Journalisten, die sich nach mehreren von Boa als fies empfundenen Fragen plötzlich alleine mit ihrem leeren Diktiergerät und einem Zehnmarkschein, als Entschädigung für die entwendete Cassette, wiederfanden - und Boa war mit dem Tape innerhalb von Sekunden außer Reichweite. Auch der Schreiberling auf dem Bizarre Festival '90 war nicht der einzige Journalist, der nach einer "gezielten Aktion" von Phillip Boa zu Boden ging.
Petra Husemann, damals Promoterin der Polydor, Frau von Tim Renner und heute für ihn zuständige Abteilungsleiterin bei Motor Music, erinnert sich an diverse Geschichten, die sie zusammen mit Phillip Boa bei Medienpartnern erlebt hat. Eine davon ist das Radiointerview, was er live im SFB geben sollte. Anhand von Fragen über Zuhause, Produzenten etc. sollten die Hörer dieser Berliner Sendung den Studiogast erraten. Nachdem Phillip Boa auf die erste Frage nicht geantwortet hatte, versuchte es der Moderator einen Song später mit derselben Frage noch einmal. Wieder keine Antwort. Als er beim dritten Versuch noch immer nicht mehr als Schweigen erntete, ergriff Petra Husemann die Initiative.
"Boa saß da, hatte die Haare ins Gesicht hängen, so daß man ihn gar nicht richtig erkennen konnte und starrte vor sich hin. Er steigerte sich so in den Gedanken hinein, wieviele Leute jetzt wohl hören, was er da sagt, daß er vor Angst und Verwirrung kein Wort mehr rausgekriegt hat und völlig weggetreten war. Ich sagte dann zu ihm, wenn er gar nicht will, könnten wir ja gehen - und da ist er wie von der Tarantel gestochen aufgesprungen und rausgerannt, ich kam gar nicht so schnell hinterher. Er wartete dann zwar draußen vorm Sender artig auf mich, aber ich mußte mir noch eine halbe Stunde lang von der zuständigen Redakteurin anhören, was für komische Musiker wir doch unter Vertrag hätten. Sie behauptete sogar, der Mann hätte ja total unter Drogen gestanden - Boa und Drogen, hahaha. Das würde ihn ausschalten.
Der Gipfel des Ganzen war dann noch, daß die Redakteurin Tim Renner angerufen und sich über mich beschwert hat. Renner tat so, als sei er schon fünfzig oder scheintot, der alte Abteilungsleiter eben und nicht ein Mittzwanziger, und schob die ganze Pleite auf seine 'so unfähige neue Mitarbeiterin'. Da hatte ich zwar schon vier Jahre Promotion gemacht, aber Tim Renner hat dann ja unheimlichen Spaß daran, so ein Spiel mitzuspielen. Und als er der Frau dann auch noch sagte, das Ganze werde in Bezug auf mich 'personelle Konsequenzen' haben, war sie beruhigt.
Das positive Ende war allerdings, daß am selben Abend beim SFB eine Hörer-Hitparade stattfand und der Moderator auf Boa rumhackte, wie unmöglich der doch sei und die Hörer sollten ihm bloß keine einzige Stimme geben. Aber Boa hat mit riesigem Abstand gewonnen, was wiederum bedeutete, daß sie eine Woche lang jeden Tag drei Stücke von Hispañola
spielen mußten."
Ungefähr zur gleichen Zeit erlebte ihr Abteilungs-Kollege Bodo Jacoby einen ähnlichen Vorfall, als er Phillip Boa in München zum Interview für die Tele5-Musiksendung "P.O.P." begleiten sollte. "Boa war auf Tele5, u.a. wegen der 'Off Beat Night', nicht gerade gut zu sprechen, hat sich schließlich aber überreden lassen, dieses Interview zu machen. Wir fuhren dann in deren Redaktionsräume, warteten erstmal stundenlang auf die zuständigen Personen und als sie endlich kamen, hatten sie die glorreiche Idee, die Aufnahmen draußen im Englischen Garten zu machen und wir fuhren also allesamt dorthin," erinnert sich Bodo Jacoby an diesen Nachmittag.
"Boa wurde von Minute zu Minute sichtlich unwohler, doch wir stiegen aus und gingen los. Es war eigentlich recht schönes Wetter, aber nach zehn Metern meinte Phillip 'Bodo, gib mir doch bitte mal den Autoschlüssel, ich will mir meine Jacke aus dem Auto holen'. Ich habe ihm den Schlüssel natürlich gegeben und hörte dann plötzlich hinter mir den Wagen starten und Boa wegfahren.
Alleingelassen standen wir im Englischen Garten, der Moderator Jochen Bendel, der Produzent Christoph Post, dessen Leute, ich - und Boa ist auch nicht mehr aufgetaucht. Das Blöde daran war, daß meine gesamten privaten Sachen und alle meine Unterlagen im Auto waren, ebenso wie mein Flugticket, da ich am Abend wieder nach Hamburg zurückfliegen mußte. Ich wußte überhaupt nicht, was Boa jetzt macht, überlegte sogar, ob er am Ende mit dem Mietwagen einfach nachhause nach Dortmund fährt.
Ich fuhr schließlich ins Münchener Polydor-Büro zurück, wo auch schon die ersten beiden Interviewer warteten, die noch Termine mit Phillip Boa gehabt hätten. Dann habe ich mit Polydor-Hamburg (wo die Verantwortlichen sitzen) telefoniert und mit Petra Husemann beraten, ob man die Polizei einschalten soll - geklauter Wagen, vermißte Person... - und sie meinte, wir sollten erstmal abwarten, der käme sicherlich wieder. Ungefähr drei Stunden später rief er tatsächlich an, er habe sich zwar verfahren und wäre am anderen Ende von München, würde aber jetzt mit dem Taxi zurückkommen und zu seinem Glück waren als er ankam noch Interviewer da, so daß ich keine Gelegenheit hatte, ihn richtig anzumotzen."
Während das "P.O.P."-Interview ausfiel, konnte ein anderer Fernsehbericht gemacht werden, der heute noch als eines der besten Boa-Interviews überhaupt gilt - und nachher sogar einen Fernseh-Preis erhielt. In Miami drehte man für Peter Illmanns Sendung "P.I.T." in einem Zoo und wollte Phillip Boa ein Orang-Utan-Baby auf den Schoß setzen. Dieses hatte jedoch viel größeres Interesse an den anwesenden weiblichen Personen, woran sich Polydor-Begleiterin Petra Husemann erinnert. "Das Affenbaby, mit hellblauer Windel übrigens, sollte eigentlich auf Phillip Boas Schoß sitzen, wollte aber überhaupt nicht zu ihm hin. Erst sprang es mich an und knutschte mich ab, dann entdeckte es Pias lange blonde Haare und begann damit zu spielen. Boa mußte es immer mit Joghurt und Bananen anlocken und 'kämpfte' dann mit ihm. Aber dadurch, daß er so mit diesem Affen beschäftigt war, hat er überhaupt nicht mehr an die Kamera gedacht und deshalb wurde es eines der besten Interviews, die er je gegeben hat.
Dabei hätte das Interview beinahe nicht stattgefunden, weil die Produktion und Auslieferung der neuen Single This Is Michael
sich verspätet hatte und Boa am Abend vor dem Abflug nach Miami angerufen und angedroht hatte, wenn er die Single am nächsten Tag nicht im Laden sähe, würde er nicht mitfliegen. Wir haben ihn zum Glück überreden können, doch zu kommen."
Und noch eine weitere Presse-Story: Die Zeitschrift "Tempo" durfte Phillip Boa & The Voodooclub zum Endmix nach Dublin in das U2-eigene Windmill-Lane-Studio begleiten. An einem regnerischen Nachmittag begab man sich mit einem englischen Fotografen zur Fotosession ins Freie. Während sie - auf Motivsuche - spazieren gingen, verfolgte der Fotograf auf Schritt und Tritt Schlagzeuger Voodoo mit seiner Kamera, bis Phillip Boa schließlich genervt Petra Husemann zur Seite nahm und sie bat, ihm klarzumachen, wer eigentlich der Frontmann dieser Band sei. Wie sich jedoch im Nachhinein herausgestellt hat, hatte der Fotograf nur immer wieder versucht, Voodoos originelle Cowboystiefel zu knipsen. Einige Monate später durfte sich Boa erneut über eine Erwähnung in derselben Zeitschrift freuen, bei welcher er alleine im Vordergrund stand: "Tempo" hatte ihn zum drittschönsten Mann der Republik gewählt.

