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Helios
Helios
Von den üblichen Terminen während der Promotion-Reise für Stadtzeitungen, auf der Petra Husemann Phillip Boa begleitete, blieben ihr einige Ereignisse ebenso in Erinnerung, wie Spezial-Interviews während der Plattenproduktion von Boas neuem Werk Helios . "Helios ist ein Cover, wo bewußt ein Popstar hingestellt wurde, der nicht wie ein Popstar aussieht und sich eher häßlich darstellt" erklärt Phillip Boa. "Wenn man oberflächlich hinguckt, meint man, ich hätte total fettige Haare, was ja damals noch nicht so angesagt war und was vor Nirvana-Kurt Cobain auch eigentlich keiner hatte.
Einige Leute haben sogar gefragt, ob ich auf dem Foto eine Perücke trage. Und dann schaue ich auch noch ziemlich komisch - das war das typische Anti-Popstar-Cover."
Auch während der Helios-Tournee
verhielt sich Phillip Boa eher wie ein Anti-Popstar. Einer, der es sich leisten kann, Ausraster zu haben; einer, der sich genau so benimmt, wie er sich gerade fühlt und dabei keine Rückicht auf die Leute um ihn herum oder auf sein Image nimmt.
Ebensee ist ein Beispiel dafür. Dieser kleine österreichische Ort in der Nähe von Salzburg stand am Beginn des Tourneeplanes, lediglich ein Konzert in Wien hatte zuvor schon stattgefunden. Nun stand die Band auf einer fiel zu kleinen Bühne, immer wieder viel der Strom komplett aus, weil Lichtmixer Hero zuviele Diaprojektoren angeschlossen hatte, und Hans-Ulli Lambrecht am Mischpult litt darunter, daß die Verstärker der Band zirka viermal so stark waren, wie die Saal-PA. In den Song-Pausen begann dann eine Frau in der ersten Reihe Phillip Boa zu beschimpfen: "Ey, Du blöder Chauvie, wie siehst Du denn aus..." - einmal, zweimal, dreimal... schließlich wurde es Phillip zuviel und er trat in die Richtung dieser Frau. Diese ließ sich nicht beirren, woraufhin Boa, nun richtig wütend, wieder zutrat - der Frau ins Gesicht, was sie aber immer noch nicht zum Schweigen brachte. Boa beschimpfte und griff sie dann solange an, bis sie den Saal endlich verließ.
"Irgendwann haben wir das Konzert abgebrochen und im Bus bin ich dann völlig durchgedreht, weil die anderen mich kollektiv dafür bestrafen wollten, daß ich es gewagt hatte, eine Frau zu treten. Aber die hatte es wirklich verdient! Erst hat keiner mit mir geredet und dann eskalierte es und ich habe mich richtig mit Pia geprügelt. Dann sind die alle in die Dorfkneipe gegangen, um sich zu besaufen, nur ich war alleine im Hotel und habe versucht zu schlafen.
Als sie zurückkamen, haben sie überhaupt keine Rücksicht auf mich genommen, haben laut rumgelacht und dann bin ich aufgestanden und habe so laut geschrien, wie noch nie in meinem Leben. Stellvertretend habe ich Voodoo angeschrien, seine Tage in der Band seien gezählt und habe ihn quasi rausgeworfen. Das war so laut, die haben sich tierisch erschrocken, aber innerhalb einer Sekunde war meine Stimme total weg. Immerhin war fünf Minuten später Ruhe.
Morgens um fünf bin ich leise aufgestanden und habe mich weggeschlichen. Vorm Hotel stand das Auto eines Bäckers, der gerade Brötchen auslieferte und da bin ich einfach eingestiegen und habe mich auf den Beifahrersitz gesetzt. Als er wiederkam, hat er sich total erschrocken und nur groß geguckt. Ich sagte nur 'Ich will zum Bahnhof' und der war völlig irritiert und hat mich hingefahren. Über Salzburg bin ich dann mit dem Zug nach Frankfurt abgehauen und wollte eigentlich nach Amerika fliegen, hatte aber nicht genügend Geld dabei. Ich habe mich dann in Frankfurt im Parkhotel eingeschlossen und mich erst vier Tage später wieder gemeldet, um die Tour fortzusetzen."
"Wir haben rund um Ebensee herum alle Dörfer nach ihm abgesucht" ergänzt Pia. "Er hatte auch noch einen sehr merkwürdigen Abschiedsbrief dagelassen, und wir dachten schon, er hätte sich mit einem Stein um den Hals im See versenkt. Das war wirklich schrecklich."
In Paris vollendeten Phillip Boa & The Voodooclub eine Reihe von Liedern mit Craig Leon (Talking Heads, Ramones) am Mischpult. Ein Redakteur der Zeitung "Max" besuchte die Band einige Tage für eine längere Reportage und am letzten Abend wollten alle gemeinsam noch einmal nett Essen gehen. "Wir gingen in ein ganz merkwürdiges Restaurant" erinnert sich Peta Husemann "das hatte so etwas Plüschatmosphäre und wir dachten immer, daß da die Mädchen mit ihren Zuhältern feiern. Eine Portugiesin, mit dunklem Teint, dunklen Haaren und einem ausgeschlagenen Zahn, flirtete die ganze Zeit Boa an. Da war noch ein Typ, der vor Pia auf die Knie gefallen ist, was Pia total ignoriert hat, aber Boa war völlig irritiert und die Portugiesin hat ihn dann sogar dazu breitschlagen können, ein Riff auf der Gitarre zu spielen. Zum Abschied gab sie ihm einen Zungenkuß - und da ist er aber nicht drüber weggekommen und hat das noch zwei Tage später erzählt!"
Einige Zeit später wollte man für ein Interview mit dem Mietwagen vom Münchener Polydor-Büro aus ans andere Ende der Stadt fahren - Petra am Steuer, Phillip mit der Karte in der Hand. Nachdem sie nun diverse Male im Kreis gefahren war, zog Petra es vor, die Rollen zu tauschen und Phillip fahren zu lassen, obwohl diesem der Ruf anhängt, "der schlechteste Autofahrer Deutschlands" zu sein - bereute es allerdings keine zehn Minuten später schon wieder.
"Wir fuhren auf der Überholspur der Stadtautobahn. Ich war total in den Stadtplan vertieft, als Boa plötzlich wie wahnsinnig auf die Bremse trat und meinte 'Husemann, guck mal, da ist ein Poster von uns!' Ich dachte wirklich er ist verrückt und bat ihn nur, möglichst schnell weiterzufahren, da nämlich direkt hinter uns ein Polizeiwagen war.
Die andere Sache - neben seinem Fahrstil - ist 'Boa und Essen'. Ein wirklich tolles Thema. Boa ißt wirklich permanent. Immer wenn man mal fünf Minuten Zeit hat, geht er ins Café und ißt was, und wenn man ihn irgendwo sucht, findet man ihn im Zweifelsfalle im nächsten Café. In München begann er den Tag zum Beispiel mit einer Portion Pasta zum Frühstück. Und wenn man mit ihm unterwegs ist, muß man ca. alle zehn Minuten anhalten, weil er erstmal einen Kaffee trinken gehen will; deswegen dauern Interview-Reisen mit ihm auch immer unheimlich lange. Dabei ist Boa aber kein Gourmet. Der typische Westfale eben: die Portion ist wichtiger als das Gericht und etwas Neues probiert er schon überhaupt nicht."
Der griechische Sonnengott stand Pate für den neuen Album-Titel von Phillip Boa & The Voodooclub und auch die gesamte Kampagne ist geprägt von sonnigen Fotos und Boas Auswanderungsplänen in den Süden "Alles ist so müde, so schlecht. Ich sehne mich nach besserer Luft".
Zum ersten Mal präsentierte Phillip Boa ein Album mit "richtigen Songs", wie die Presse urteilte: "Die rigide Trennung zwischen Kunst und Rock'n'Roll ist aufgehoben, wo früher die Brüche störten, weil sie zwar an der richtigen Stelle waren, aber Boa immer etwas altklug daraufzeigte, fließt nun alles elegant ineinander, ohne je weniger radikal gewesen zu sein. - 13 Nummern, jede für sich Songs aus einem Guß, atmosphärisch-komplex wie gewohnt, aber ohne künstliche Sollbruchstellen, ohne aufgesetzte Verfremdungs-Effekte."
Trotzdem enthält auch Helios
wieder genial-verschrobene Stücke, weit entfernt von Radiosingles, wie zum Beispiel den Anti-Nazi-Song Pfirsicheisen
: "Ich glaube nicht, daß Helios
schöne Sommer-Sonne-Songs enthält. Die Masse derer, die auf Mathias Reim abfahren, werden auch mit einer Single wie And Then She Kissed Her
nichts anfangen können. Helios
ist eine sehr nachdenkliche Platte, mit den besten Texten, die ich bisher geschrieben habe und ich möchte nachdenkliche Leute damit erreichen. Meine Texte sind zum Nachdenken da. Die Texte sind Gedichte, die zum Teil sehr persönlich, auf der anderen Seite aber auch sehr politisch sind. Sie sind wohl auch, ähnlich wie einige Gedichte in der Schule, erst nach mehrmaligem Hören oder Lesen zu entschlüsseln - auf alle Fälle versuche ich, in diese Richtung zu arbeiten. Ich hasse es, platte politische Texte zu machen, wie 'reißt alle AKWs nieder' oder 'Terroristen, erschießt alle CDU-Politiker'. Das ist Quatsch. Dadurch verkauft man vielleicht Platten, aber ich will durch Musik sprechen und durch Wort-Aktions-Kunst - und die Leute so zum Nachdenken bringen."
Im Februar wurde gleichzeitig mit Helios
die erste Auskopplung And Then She Kissed Her
veröffentlicht, ein für Boa-Verhältnisse eher gemäßigter Song, der sich um das Wiedersehen von Phillip Boa, seiner Mutter und seiner Schwester dreht. Im April wurde ein weiterer Song als Single in rotem Vinyl zu Promotionzwecken verschickt, an Anrufer einer Telefonaktion der Band Poems For Laila, später wurde Laughing Moon
auch in einer limitierten Auflage von 1.000 Stück über Constrictor verkauft.
Als dritte Auskopplung folgte im Juni 30 Men On A Dead Men's Grave
, ein Remix der HipHop-Band A Homeboy, A Hippie And A Funki Dredd, mit drei verschiedenen Versionen und dem Untertitel Lifelong Boardwalk
. "Das ist ein Lied über die letzten Unbestechlichen der Schweiz, 30 Anwälte und Richter, die auf Lebenszeit an den Luganer See verbannt sind, weil sie sich nicht an den kriminellen Geschäften beteiligen wollten. Und das ist meine Rache an der Schweiz für den seit 1986 währenden Auftrittsboykott."
Boas "Spaghetti-Kopf", wie er in der Plattenfirma hinter seinem Rücken genannt wurde, paßt eigentlich nicht in die Reihe der bisher immer sehr schönen Plattencover. Bis zum Design der Helios
waren die Hüllen der Boa-Platten ähnlich gestaltet, ein bißchen mysteriös, mit verfremdeten Fotos und meist mit collagenartigen Einfügungen - sie hatten Wiedererkennungswert und Stil. Und nun das...
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Auf dieser Tournee entstand auch die Idee zu dem Song Tötet Onkel Dittmeyer, den die Angefahrenen Schulkinder im Mai '91 veröffentlichten. Heaven, ihr Sänger, begleitete die Boa-Tour als Roadie und "Mädchen für alles". Beim allabendlichen Soundcheck begann er mit der Crew zu Albert Is A Headbanger
die unglaublichsten Texte zu erfinden, wovon man diese Version, mit dem schon etwas älteren Schulkinder-Slogan Tötet Onkel Dittmeyer, technisch ein wenig verfeinert und mit Ausschnitten aus der Fernsehwerbung unterlegt, aufgenommen hat. Die Klage des Herrn Dittmeyer wurde übrigens abgewiesen und außerdem die komplette Werbekampagne, in der er "kleine Mädchen mit O-Saft ins Gebüsch lockt" umgestellt. Heaven (Die Angefahrenen Schulkinder) Foto by chaos |



