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Hair


Hair

Foto by Thomas Simon

Phillip Boa & the Voodooclub

Eigentlich sollte das neue Album "Stee/albanger" heißen, doch dann gefiel die Idee bis auf Phillip Boa selbst keinem in der Band mehr sonderlich gut und so suchte man nach einem neuen Namen. Hair war ein spontaner Einfall während einer Fotosession in den Bergen, bei der man feststellte, daß die Haare ständig im Winde wehten. Ebenfalls während der Fotosession für das neue Album war man in Venedig unterwegs, wo Phillip laut BILD-Zeitung beinahe im Canale Grande ertrunken wäre.

 

Pia erinnert sich: "Unser Fotograf Dirk Rudolph meinte zu Phillip immer 'noch ein Stück zurück, noch ein Stück...' und plötzlich war Phillip weg und wir haben uns natürlich totgelacht. Er wäre zwar nicht beinahe ertrunken, aber das Wasser war schon sehr eklig. Dann kam er triefend naß wieder an Land und wir sind gleich in die erste Boutique, haben ihn neu eingekleidet und die Verkäuferinnen haben gedacht, er ist der totale Penner. Das war wirklich lustig."
Hair ist wahrscheinlich das Album von Phillip Boa & The Voodooclub, auf welchem die ungeheure Vielfältigkeit der Musik am ehesten auf Anhieb hörbar ist. Während Boa bei den folgenden Alben seine Einflüsse und diverse Ideen immer mehr in jedem Stück zu vermischen begann, findet man auf Hair zahlreiche Stile nebeneinander, jeder Song klingt völlig anders. Da gibt es den Popsong Container Love , die Heavy Metal-Nummer Albert Is A Headbanger , ein an Maurice Ravels "Bolero" angelehntes Stück namens Boleria , Tragic Mastery Of Stock Hausen , in welchem Boa seiner Bewunderung für Stockhausens Verwendung der atonalen Zwölftontechnik Ausdruck verleiht, Charleston-Anleihen in Happy Spider und einiges mehr.
"In Happy Spider geht es um einen Fan, der mir einen Knochen schenkte und sagte 'wenn Du den verlierst, mußt Du Deinen BMW aufessen'. Ich habe zwar keinen BMW, aber der hat das immer wieder gesagt - stand vermutlich unter Drogen. Und das hat mich so erschreckt, daß mir im Traum immer Spinnen erschienen sind, die ich aufessen mußte. I Wanna Be Your Hoover ist eigentlich nicht so lustig, wie man vom Titel her vermuten könnte, da es letztlich um Selbstmord geht. Albert Is A Headbanger ist zwar meinem Bruder gewidmet, doch eigentlich ist der nie wirklich ein Headbanger gewesen. Der Song - in dem wir übrigens achtzehn Gitarren-Spuren übereinander gelegt haben - handelt von Leuten, die die Schule geschmissen haben, arbeitslos sind, nicht mehr wissen, was sie tun sollen und ihre Erfüllung im Heavy Metal und Headbanging suchen."
Von Hair gibt es, ebenso wie schon von Copperfield und auch von den nachfolgenden Alben, eine limitierte Erstauflage mit mehreren bisher unveröffentlichten Bonustracks auf einer Zusatzmaxi. Geradezu sensationell war der Einstieg des neuen Albums in die Charts: Nummer 23 mit 70.000 verkauften Exemplaren, wobei dies nur die Zahlen aus Deutschland sind. Bis heute hat die Platte sogar schon rund das Doppelte verkauft. Hair wurde in 20 Ländern, unter anderem in Japan, die Single Container Love sogar in Australien veröffentlicht. Außerdem konnte man mit diesem Album zum ersten Mal in der gesamten deutschen Presse von Phillip Boa lesen, von Bravo bis Stern widmete man dem "Rockerneuerer" und "Deutschlands personifiziertem Gesamtkunstwerk" Artikel.

Für Phillip Boa waren das Jahr 1989 und die LP Hair gleichzeitig auch ein neuer Anfang, sowohl von der musikalischen als auch von der menschlichen Seite aus gesehen: "Ich bin an einem Ort aufgewachsen, wo Romantiker eigentlich nicht geboren werden, nämlich im Ruhrgebiet. Und im Ruhrgebiet kann man kein Romantiker sein. Aber ich versuche, es zu werden. Deswegen verreise ich auch sehr viel. Am Anfang war das alles noch zu unromantisch und zu unkünstlerisch. Aber irgendwann habe ich realisiert, daß das, was ich mache, für andere Leute einen Wert hat. Mir schreiben unheimlich viele Leute, die dann erzählen, sie glauben an die Texte und finden sich darin wieder. Früher habe ich darauf nicht soviel Wert gelegt, einfach meine Musik gemacht und später einen Text. dazu geschrieben.
Irgendwann habe ich aber gemerkt, daß die Leute die Texte interpretierend aufsaugen und dann habe ich meine gesamte Arbeitsweise geändert, die Textarbeit sehr ernst genommen, viele Bücher gelesen und mich einfach weitergebildet. Es kam der Punkt, wo ich dachte, o.k., das ist es, dazu bin ich geboren, das ist meine Person und der Rest ist Vergangenheit. Deswegen denke ich jetzt, daß ich 1989 neu geboren wurde. Meine Vergangenheit war auch nicht sehr glücklich und ich habe das meiste davon auch verdrängt. Mich interessiert ohnehin mehr die Zukunft.
Deswegen haben wir auch immer Musik gemacht, die der Zeit ein wenig voraus war. Wir haben schon mit No Mad's Land eine Art Crossover gemacht, Techno-Crossover - und auf Hair ist das ganz extrem: Klassik-Crossover, Metal-Crossover, Funk-Crossover... Einerseits liebe ich die Rock'n'Roll-Geschichte, auf der anderen Seite will ich ihre Klischees vermeiden und versuche, der Rockmusik mehr zugeben, als die plumpe Rockmusik eben ist. Ich glaube, daß wir einfach deswegen zeitlos geworden sind. Und vor drei oder vier Jahren waren wir noch ziemlich verhaßt deswegen und auch sehr umstritten und mittlerweile sind wir eher etabliert, aber auch durch eine gewisse Qualität.
Hair war für uns ein Manifest. Wir wollten das Image loswerden, die Independent-Gurus zu sein. Wir sind keine Sprücheklopfer, wir sind Musiker. Ich möchte als Künstler anerkannt werden und nicht als Großmaul oder Verräter. Bei Copperfield wurde zu viel über den Wechsel zur Industrie geredet - jetzt sollte die Musik wieder absolut im Vordergrund stehen."
Abgemischt wurde Hair von fünf Produzenten, neben Stamm-Produzent E.Roc konnte man auf Hair solch berühmte Namen vorweisen wie Tony Visconti (David Bowie, T.Rex), Nigel Walker (Japan, David Sylvian), Tony Taverner (The Jam, Motörhead) und Jay Burnett (New Order, Run DMC). "Die Songs auf Hair sind sehr unterschiedlich und die Platte davor hatte darunter gelitten, daß ein Produzent sie alleine gemacht hat. Für einige Songs war Leckie mit Sicherheit sehr gut, für andere aber nicht. Bei Hair haben wir die Songs auf die einzelnen Leute verteilt, die wir uns ausgesucht hatten" berichtet Boa über die Produktion für Hair.
"Tony Visconti wollten wir eigentlich schon für Copperfield, doch er sagte, das Material sei ihm ein bißchen 'zu wild'. Die Demos für Hair haben ihm allerdings sehr gut gefallen und dann hat er drei Stücke produziert. Nigel Walker ist ein Ästhet. Er kann sich total in die Musik versetzen und er hat viele Ideen, die von der Gitarre weggehen, hin zum Klavier und zum Gesang. Er macht unheimlich viel mit Kleinigkeiten und mischt wesentlich ästhetischer, nicht so dynamisch. Jay Burnett ist ein Ami, der tausende von Remixen gemacht hat, der aber zu oft unsere Sachen wegwerfen und durch seine Ideen ersetzen wollte. Deswegen haben wir nachher nur anderthalb Lieder von ihm verwendet. Aber ich fand es gut, daß so unterschiedliche Stücke auch von so unterschiedlichen Produzenten gemacht wurden.
Hair war aber gerade wegen der vielen darauf enthaltenen Stile auch ein sehr, sehr umstrittenes Album. Ich finde das Album klasse, aber ich weiß auch, daß die Fans einige Titel schrecklich finden und mich oft gefragt haben, warum ich Lieder wie Boleria oder Tragic Mastery Of Stock Hausen gemacht habe. Meine Schwester hat mir auch immer erzählt, daß sie bei Stock Hausen die Nadel am Plattenspieler weiterhebt. Es war mit Sicherheit ein sehr gewagtes Album, aber es war auch sehr gut."
Eines der ungewöhnlichsten Stücke, das Phillip Boa je gemacht hat, ist mit Sicherheit der Song Tragic Mastery Of Stock Hausen. Karlheinz Stockhausen ist ein 1928 geborener Komponist, der sich sehr viel mit experimenteller und atonaler Musik beschäftigt hat. Phillip Boa hatte etwas von und über ihn im Fernsehen gesehen, sich daraufhin einige Platten gekauft und war begeistert.
"Wir hätten das Stück gerne von ihm selbst produzieren lassen und haben ihn deswegen zwei Tage lang gesucht. Wir sind über den Zaun auf sein Anwesen bei Köln geklettert, waren erst bei seinem Archiv und konnten da praktisch ins Haus gucken, es war aber keiner da. Dann haben wir erfahren, daß er noch ein anderes Haus hat, in dem wohnt seine Ex-Frau, da war er aber auch nicht. Leider haben wir ihn nicht gefunden - aber es war auch ein bißchen naiv gedacht, denn Professor Stockhausen hätte das wahrscheinlich überhaupt nicht gemacht."
Neben der gleichzeitig mit dem Album veröffentlichten Single Container Love wurden von Hair noch zwei weitere Songs ausgekoppelt, They Say Hurray (5/89) als Single und Maxi und Fine Art In Silver (8/89) allerdings nur zu Promotionzwecken als Live-Single. Die Platten gelten heute, da nur in geringer Stückzahl gefertigt, als gesuchte Raritäten, ebenso wie die vier Auflagen von I Dedicate My Soul To You '89. Von dieser im September '89 erschienenen Neuaufnahme gibt es neben Single, Maxi und Maxi-CD auch eine auf 5.000 Stück limitierte 10"-Fan-Edition - wobei die Angabe, die Live-Bonustracks stammten allesamt aus dem Jahre '87, nicht ganz richtig ist, da sie größtenteils sogar von 1986 sind.
Ungefähr zur gleichen Zeit wurde auch der erste Boa-Longplayer von Polydor neu aufgelegt, Philister war nun (mit modifiziertem Cover) auch als CD und MC erhältlich, die ersten 5.000 Exemplare der neuen LP-Auflage enthielten außerdem eine Zusatzmaxi mit den Stücken von Most Boring World.

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