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First and Last German Bastards Gig and Tour

"Eigentlich war es eine komplette Überforderung" kommentiert Pia Lund heute den ersten Gig, am 11. März 1986 im Rahmen der WDR1-Rocknacht, in der Düsseldorfer Philipshalle. Genaugenommen war es zwar der zweite Auftritt, jedoch war die kurze musikalische Präsentation, die irgendwann im Jahre 1984 in der Hagener Discothek "Alibi" dargeboten wurde, ein Playback- und kein Live-Auftritt.

 

Die beiden Schlagzeuger erinnern sich, "daß Phillip eigentlich überhaupt nicht live auftreten wollte, doch als schließlich das Angebot für die WDR-Rocknacht kam, sah er die Gelegenheit, unter Umgehung von Tourneen durch kleinste Konzerthallen und Städte, vor einem interessierten Publikum zu spielen und sagte zu."
"In meinen Augen war dieser Auftritt ein einziger Alptraum. Es waren zwar nur sechs oder acht Stücke, aber live vor Tausenden von Leuten und mit Radio-Live-Übertragung... Es war einfach eine Katastrophe" findet Phillip Boa im nachhinein. "Wir haben kurz vor dem Konzert eine Band zusammengestellt, mit einem Pianisten dessen Namen ich vergessen habe und einem Gitarristen aus dem Sauerland, der behauptete, er wäre Engländer, der das überhaupt nicht verkraftet hat. Ich habe ihn das Konzert dann noch mitspielen lassen und direkt danach wieder aus der Band geschmissen."
"Für den Startschuß war das Ganze mit Sicherheit einfach eine Nummer zu groß" ergänzt Pia. "Phillip hatte zum Beispiel eine dicke, schwere Pelzjacke an und hatte ja keine Ahnung, was für eine Anstrengung das ist, wenn man dann fünf Stücke hintereinander singt. Danach ist er in der Garderobe zusammengebrochen. Wir dachten echt alle, er ist tot, weil er sich nicht mehr gerührt hat. Das wäre wirklich der Ober-Kult gewesen - der legendäre einzige Auftritt! Und dann waren wir auch noch so fürchterlich schlecht, weil wir wahnsinnig nervös waren... Daraus haben wir aber natürlich auch eine Menge gelernt."

Der Kult wurde jedoch anderweitig gefördert, so kam zum Beispiel direkt nach dem ersten Konzert gleich der erste Phillip Boa & The Voodooclub-Bootleg mit dem Titel Rare Live, Radio and Demo Material auf den Markt - heute eine gesuchte Rarität. Ein Ziel hatte man aber auf jeden Fall erreicht, denn auf der im Winter folgenden Tournee, die unter dem Motto "First And Last German Bastards European Tour 1986" stattfand, mußte man sich nicht erst durch fast leere Hallen spielen, sondern hatte meist einen Zuschauerdurchschnitt von immerhin 400 Leuten.

 

"Ich wollte ja nach diesem schrecklichen Auftritt eigentlich nie wieder live spielen" erinnert sich Phillip, "aber die Platten verkauften sich immer weiter und dann habe ich eine neue Band zusammengestellt, die aber, wie ich später festgestellt habe, auch nicht das Wahre war. Das war neben Max Nobel, unserem Bassisten, der sogar bei der WDR-Rocknacht schon dabei gewesen war, David Davidson an der Gitarre. Gut waren unsere Konzerte damals aber mit Sicherheit nicht. Ich hatte meist sehr viel getrunken und musikalisch waren wir einfach nur schlecht. Das wurde aber dann von Jahr zu Jahr und von Tour zu Tour besser."
Für Überraschungen vor, während oder nach den Konzerten waren der Voodooclub - und Phillip Boa im Speziellen - immer wieder gut, was sogar die BILD-Zeitung von Anfang an erkannte. So verfolgte eine penetrante Redakteurin beim ersten Hamburg-Auftritt den guten Phillip bis in die Toilette, nur um ein Interview zu bekommen. Boa, der diese Zeitung nicht mochte, bekam schließlich einen Wutanfall - mit Sicherheit nicht der erste und erst recht nicht der letzte, zu dem ihn ein Journalist gebracht hat.
Ganze zehn Tage später spielte die Gruppe zum ersten Mal in der Schweiz, in der "Roten Fabrik" in Zürich, einem angeblich eher linken und alternativen Zentrum, das sich jedoch als sehr, sehr konservativ entpuppte und der Band bis heute nachhaltig in Erinnerung geblieben ist: Vor dem Konzert sah sich eine weibliche Veranstalterin durch das T-Shirt eines Roadies, welches Madonna nackt zeigte (eine damals noch eher seltene Darstellung), derart sexistisch angegriffen, daß sie ihm verbieten wollte, mit diesem Shirt die Bühne weiter aufzubauen. Eins kam zum Anderen, schlechte Laune, schlechtes Catering - alle schrien sich gegenseitig an, der Auftritt wurde aber dennoch gemacht. Doch ein Schweizer Publikum versprüht eben nicht diese Begeisterung, die eine Band dann wieder glücklich macht; und so kam es, daß Boa gegen Ende des Konzertes diese "cheese-eating motherfuckers" zu beschimpfen begann, die ihn lediglich mit offenem Mund anglotzten und höflich applaudierten. Die Schweizer seien wohl zu nichts anderem nütze, als Uhren oder dubiose Bankgeschäfte zu machen... Jahre später rächte sich Boa dafür im Text des Songs 30 Men On A Dead Man´s Grave.
Der Veranstalter, der im nachhinein erbost angedroht hatte, daß diese Band nie wieder hier spielen werde, behielt Recht: Vermutlich ist Mundpropaganda in diesem kleinen Land sehr fruchtbar, Phillip Boa & The Voodooclub jedenfalls haben seitdem nie wieder auch nur einen einzigen Auftritt in der (deutschsprachigen) Schweiz bekommen.