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Familie und Zuhause
Familie und Zuhause
Es war nun die Zeit gekommen, da Phillip Boa & The Voodooclub eine Größe erreicht hatten, ab der sich auch die Fernsehredaktionen für sie zu interessieren begannen. Neben ersten Berichten in Underground-Sendungen wie "Off Beat" auf Tele5 klopften auch Redakteure der öffentlich-rechtlichen Jugendsendungen an. "Spruchreif" hieß die Sendung, in welcher das legendäre erste Live-Interview mit Phillip Boa gemacht wurde.
Phillip, der hinter seiner oft als arrogant gescholtenen, coolen Fassade ein, wie sein Plattenfirmen-Boß Tim Renner es nennt "mörderisch schüchterner und zurückhaltender Mensch" ist, hatte vor diesem Interview eine derartig panische Angst, daß man ihm die Fragen schon vorher gesagt hatte, er sich Antworten zurechtlegen konnte - und diese auf der Bühne verwechselte. Abgesehen davon, daß weder der arme Moderator noch das Publikum verstanden, worüber man nun eigentlich geredet hatte, spielte die Band beim folgenden Auftritt das Playback absichtlich falsch und Boas Ruf als "Arschloch der Nation" wurde dadurch natürlich weiter gefestigt.
An eine andere Komponente dieses Auftrittes erinnert sich seine Schwester: "Phillip hat unseren Eltern nie gesagt, daß er mittlerweile sozusagen von Beruf Popmusiker ist. Er wohnte nicht mehr zuhause und sie wußten nur, daß er mit Pia und einigen Freunden neben seinem Studium einen kleinen Schallplattenverlag namens 'Constrictor' machte, aber mehr hat er nicht darüber erzählt. Wir Geschwister wußten das zwar alle, waren auch bei den ersten Konzerten dabei und haben sogar teilweise auch bei Con! mitgeholfen, durften aber bei unseren Eltern über seine Band kein Wort sagen. Dann kam dieser Auftritt im Fernsehen, und ich weiß noch, daß es meine große Aufgabe war, unsere Eltern in der Zeit auf jeden Fall davon abzuhalten, den Fernseher anzuschalten.
Wenn einer von uns ein Geheimnis hatte, dann haben wir Geschwister da aber auch wirklich zusammengehalten und so kam es, daß unser Vater das Ganze erst durch einen Zufall mitbekommen hat. Irgendwer hatte ihm eine Zeitung mit einem Artikel und Fotos gezeigt und fragte ihn, ob das nicht sein Sohn sei. Während des Mittagessens sagte er dann plötzlich 'So, und Euer Bruder ist also ein Popstar?' und so kam das dann alles raus."
Was aber auch sein Gutes hatte, da sich bei Pia und Phillip gleichzeitig Nachwuchs angekündigt hatte und man nun bei den durch das Popstar-Leben für und mit Tochter Mia entstehenden Problemen wie zum Beispiel Tourneen, tatkräftig unterstützt wurde.
"Ich habe aber immer noch mehr Zeit für mein Kind, als jede andere berufstätige Frau" berichtet Pia. "Die reißen ihr Kind morgens um halb sieben aus dem Schlaf, bringen es in die Kindertagesstätte, holen es abends wieder ab und bringen es ins Bett. Das würde ich nie tun. Mia ist es von kleinauf gewöhnt, daß wir zwar immer mal eine zeitlang weg sind, im Ausland im Studio, oder auf Tournee, dann aber wieder lange Zeit von morgens bis abends hier sind. Wir nehmen sie auch so oft wie es geht mit, zum Beispiel wenn wir ein Video drehen, oder zumindest einen Teil der Tournee, was natürlich jetzt, wo sie zur Schule geht, oft nicht mehr so einfach ist."
Zur gleichen Zeit, als die Vergrößerung der Boa-Familie bevorstand, gaben beide auch ihr Studium zugunsten der Musik auf. Während Phillip mehr aus Interesse denn mit ernsthaftem Hintergrund Design, Englisch und Wirtschaftswissenschaften studiert hatte ("Es geht ja nicht nur darum, an der Uni einen Abschluß zu machen, sondern sich einfach auch zu bilden"), konnte Pia immerhin das erste Staatsexamen in den Fächern Germanistik und Sport aufweisen. Außerdem stand nun, dank Polydor-Deal, der Umzug in ein von Vorschüssen gekauftes Haus bevor, wo auch geprobt wurde - was aber noch weitere Gründe hatte: "Am Heedbrink 13" war mittlerweile eine der bekannteren Adressen in Dortmund geworden.
Für Constrictor, für Fanpost und Anfragen - bis dato hatte auf jeder Plattenhülle nicht nur die Telefonnummer von Phillip Boa und Pia Lund, sondern sogar ihre Adresse gestanden. Doch nachdem die ersten Pilger aus dem gesamten Bundesgebiet nun schon vor dem Frühstück um Autogramme oder ausführliche Gespräche baten, wurde es den Zweien zu viel.
"Es ist etwas völlig Verschiedenes, ob man sich nach dem Konzert vor der Halle mit Fans unterhält, oder ob die plötzlich bei uns in der Haustür stehen. Das ist dann wie ein Überfall" erzählt Pia. "In seinem Privatleben will man dann auch mal seine Ruhe haben und deswegen liessen wir in unserem neuen Haus die Leute nicht mehr reinkommen und gaben auch unsere Telefonnummer nicht mehr bekannt. Es ging einfach nicht mehr. Man möchte im Privatleben dann einfach ein ganz normaler Mensch sein. Ich möchte zum Beispiel nie so berühmt werden, daß ich morgens nicht mehr zum Bäcker gehen könnte, ohne mich zu vermummen."
Ein Großteil der Nachbarn weiß bis heute nicht, daß in ihrer unmittelbaren Nähe ein recht berühmter Musiker wohnt. Für sie war diese Familie vom Einzug an schlicht und einfach komisch. Pia und Phillip vermuten, daß einige sie wahrscheinlich sogar für Kriminelle oder Drogendealer halten. Nicht nur, daß die Rolläden erst am späten Vormittag nach oben gehen, abends kommen oft merkwürdige Gestalten zu Besuch, mit langen Haaren oder in wilder Lederkluft (die Musiker der Band), trotz des noch jungen Alters der Bewohner stehen vorm Haus recht große Autos, mit welchen ständig unförmige und sonderbare Kisten (Verstärker, Instrumente) transportiert werden...
Außerdem trägt es sicherlich nicht zu einem freundlichen Klima in der Nachbarschaft bei, wenn Phillip um neun Uhr abends den Klang einer neu gekauften Gitarre im Wohnzimmer mit derartiger Lautstärke testet, daß er zuvor sogar seine Tochter dazu anhält, sich bitte die Ohren zuzuhalten, während er Akkorde von Kill Your Ideals in die Saiten haut. Die Bandproben auf dem Dachboden wurden jedoch zum Glück der Anwohner, die schon mehrfach aufgrund von Lärmbelästigungen die Polizei hatten rufen wollen, aufgegeben.

