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Die Vorläufer


Die Vorläufer

Man schrieb das Jahr 1984, als in einem Dortmunder Vorort ein Ex-Punk mit seiner Freundin begann, sich in der Musik selbst zu verwirklichen und, wie der Spiegel es später einmal nannte, "sich selbst erfand".
Pia Lund, in musikalischer Hinsicht bisher nur von den Eltern mit klassischem Piano-Unterricht bedacht, übernahm die Synthesizer, während Phillip Boa die Gitarre quälte, den Gesangspart teilte man sich.
Phillip hatte seine ersten musikalischen Gehversuche schon Jahre zuvor gemacht und war nach diversen Bandprojekten nun an den Punkt gelangt, daß er sich von allen Einflüssen befreien wollte; der Drang etwas völlig Neues zu schaffen, ließ ihn zusammen mit Pia alle stilistischen Möglichkeiten ausprobieren und sie nahmen erste Cassetten mit elektronischer Experimentalmusik auf.
"Außer, daß ich Klavierunterricht erhalten habe, hatte ich mit Musik bis dahin nicht viel zu tun" erinnert sich Pia Lund an die Anfänge. "Ich besaß nur eine einzige Platte, von den Beatles. Phillip hat mich dann dazu gebracht, Musik zu machen und so habe ich das auch lieben gelernt. Das Einzige, wodurch ich am Anfang vielleicht beeinflußt sein konnte, waren Kinderlieder, während Phillip wirklich alle Arten von Musik kannte und den ganzen Tag Musik hörte. Ich denke, dadurch, daß wir am Anfang keine richtige Erfahrung hatten und das Ganze einfach ausprobiert haben, hat sich etwas sehr Kreatives und Neues ergeben, was sich dann immer weiterentwickelt hat."
Phillip Boa war im Gegensatz zu Pia von dem Tag ab, an dem er sich als Elf- oder Zwölfjähriger vom mühsam gesparten Taschengeld seine erste Gitarre gekauft hatte, von der Musik besessen und von seinem Instrument nicht mehr zu trennen. Seine jüngere Schwester erinnert sich: "Ich weiß noch, daß ich aus dem Kindergarten nach hause kam und meine Geschwister gesucht habe und meine Mutter meinte 'der hat sich eine Gitarre gekauft'. Und dann saßen wir alle bei ihm im Zimmer und er hat auf der Gitarre rumgeklimpert, konnte nicht einen einzigen Akkord spielen, aber wir fanden das alle ganz toll. Unsere Eltern haben das mit der Gitarre zwar nicht unterstützt, aber nachdem er sie nun hatte, sollte er auch Unterricht erhalten. Das wollte er aber nicht und brachte sich stattdessen alles selber bei. Das ist wahrscheinlich auch ein Grund dafür, daß er auch heute noch etwas unkonventionell Gitarre spielt.
Außerdem weiß ich noch, daß er, als er siebzehn Jahre alt war, zu mir gesagt hat 'Ich werde mal Popstar und werde damit mein Geld verdienen'. Und mal abgesehen davon, daß man seinem großen Bruder wahrscheinlich alles abnehmen würde, war es so überzeugend, daß ich eigentlich immer daran geglaubt habe, daß er es schafft."

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Blendaxx

In den folgenden Jahren begann Phillip Boa mit Freunden Musik zu machen und gleichzeitig gründeten sie zwei Bands namens Blendaxx und Betamax, bei welchen neben Phillip Boa auch einige andere Personen mitspielten, die in seiner späteren Karriere immer wieder einmal seinen Weg kreuzten. In beiden Gruppen spielte ein gewisser Martin Coesfeld Baß, nachher Mitbegründer von Clox, einer Fun-Punk-Truppe der ersten Stunde, die zwar diverse Male im Vorprogramm der Toten Hosen auftrat, sich aber bald darauf auflöste.

 
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An der Betamax-Gitarre und bei Blendaxx als Gast am Keyboard fand man Thomas Hermann, einen Hagener Szenetypen, der noch mehrere Jahre später mit Phillip Boa zusammenarbeitete. Während Betamax für damalige Verhältnisse recht fortschrittlich war, wenn auch musikalisch ein wenig an Joy Division angelehnt, sieht Boa in der einzigen von Blendaxx veröffentlichten Maxi heute eine schlechte Fehlfarben-Kopie. Boa, damals stark vom ersten Fehlfarben-Werk, "Monarchie und Alltag", beeindruckt, komponierte bei Blendaxx und spielte Gitarre.

 

Im nachhinein hält er die Maxi "Wirtschaftlichkeit Ab Werk" für alles andere als gelungen, speziell für das Lied "Das Ekel" (über einen Großstadt-Proll) schämt er sich heute schon fast, obwohl er beteuert, daß dieser Text nicht nur seiner Feder entsprungen sein kann, da er diese Art der platten Äußerungen hasse.

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Im Jahre '83 stieg Phillip Boa in Thomas Hermanns neue Band mit dem originellen Namen "Erste weibliche Fleischergesellin nach 1945" ein. Diese hatten ihre Demobänder schon fast fertig eingespielt, lediglich für zwei Tracks steuerte Phillip noch die Gitarre bei. Als Thomas Hermann die Platte nun bei einer Majorcompany zur Produktion abgab, war der mit ihm angereiste Phillip Boa stiller Beobachter und Zeuge der vielen großartigen Versprechungen, die Thomas Hermann für sein Projekt gemacht wurden. Nachdem die LP gnadenlos gefloppt war und man einige Monate später mit neuen Demobändern, welche Phillip als Gitarrist diesmal komplett miteingespielt hatte, wieder im Büro des Produktmanagers stand, wurden Phillip Boa die Augen über das Musikbusiness geöffnet:

 

"Wir waren damals ziemlich motiviert, hatten aber keine Ahnung von der Plattenbranche. Die Firma hatte Thomas Hermann damals große Hoffnungen und Versprechungen gemacht, und nun, als die Platte vielleicht 300 Stück verkauft hatte, sah die Welt für sie völlig anders aus und sie zeigten uns ihr anderes Gesicht. Wir wurden ignoriert. Und ab dem Augenblick habe ich das Musikbusiness verstanden. Das war eine sehr wertvolle Erfahrung für mich, die leider die meisten Bands oder Musiker erst viel zu spät erleben. Ich habe erstmal praktisch aufgegeben und ein halbes Jahr lang überhaupt keine Musik gemacht und dann sagte ich mir 'So, jetzt mache ich das alles alleine und zeig's ihnen allen'. Und gemeinsam mit Pia habe ich angefangen, völlig neue und andersartige Musik zu machen."

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