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Der Abschluß & der neue Voodooclub
Der Abschluß & der neue Voodooclub
Für Phillip Boa war das Ende des Voodooclubs schon seit längerer Zeit absehbar, Voodoo hatte seit Hair
kaum noch das Studio betreten, seine Hauptaufgabe bestand nur noch darin, die Songs auf Tournee nachzuspielen und auch der Rabe war bei Helios
fast nicht mehr an der Studioarbeit beteiligt gewesen. Bandinterne Streitereien nahmen zu, kreativ gesehen war die Formation in eine Sackgasse geraten und für Phillip war die Trennung vorprogrammiert.
"Hispañola
war bis dahin der Ideen-Höhepunkt. Helios
war kein schlechtes Album, aber es war die erste Platte, die nicht kreativer war, als ihr Vorgänger. Das ist auch ein Grund dafür, daß ich danach die Musiker ausgewechselt habe. Es war absehbar. 1991 war so ein bißchen das Jahr, wo nicht mehr alles so lief, wie ich das wollte. Für mich war klar, es wird noch eine Abschieds-Tournee und die Live-LP
geben und nach einer Pause kommt ein Neuanfang."
Während Voodoo und der Rabe in der letzten Zeit immer weniger an der kreativen Arbeit beteiligt waren, blieb der Part von Pia Lund unangetastet, weswegen sie als einzige die Besetzungswechsel überleben konnte. "Die Musik war immer auch meine Vorstellung. Die Band war nie eine richtige Arbeitsgemeinschaft, denn Phillip war immer der, der das letzte Wort hatte. Was auch von Jahr zu Jahr zunahm. Ich habe aber immer Vorschläge gegeben und wir teilten uns die Stücke eigentlich auch sehr oft auf: er hatte die Basis im Kopf und wußte auch, wie es sich nachher anhören sollte, aber wenn er dann gerade nicht weiterkam mit einem Stück, ließ ich mir etwas einfallen. Wenn es schlecht war, sagte er das auch sofort, manchmal auf eine ultra-fiese Art, aber dann überlegte ich mir eben etwas Neues.
Der Voodooclub war und ist immer ein Kollektiv, in dem unter Phillips Leitung musikalische Ideen entwickelt und ausgeführt werden. Theoretisch kann jeder, der einmal seine Nase ins Studio steckt, etwas einspielen und zum Voodooclub beitragen - doch Phillip alleine unterliegt die Entscheidung, was davon auf Platte verwendet wird. Und da will er in Zukunft noch weniger Rücksicht auf seine 'Mitarbeiter' nehmen, als es früher der Fall war. Phillip ist ein Perfektionist, der genau weiß, was er will oder nicht will, er möchte zwar unterstützt, nicht aber zu Kompromissen genötigt werden."
Voodoo berichtet, wie es aus seiner Sicht zum endgültigen Split der Schlagzeugmannschaft vom Frontpaar gekommen ist: "Es hat sich im Laufe der Jahre immer mehr gesteigert, daß Phillip zum 'Alleinherrscher' wurde und immer weniger mit Leuten zusammenarbeiten konnte und deren Persönlichkeit respektierte. Es ging nun endgültig soweit, daß er nicht mehr mit einer festen Band, sondern lieber mit Studio- oder 'Miet-Musikern' arbeiten wollte, die genau das spielen, was er ihnen sagt. Die haben also nicht die Möglichkeit, sich richtig in die Band zu integrieren, während wir eigentlich Bandmitglieder waren und deshalb dachten, auch in musikalischen Belangen etwas zu sagen zu haben. Das wollte er aber immer weniger und deswegen hatten wir jetzt auch nicht mehr die größte Lust weiterzumachen, weil wir auch andere Vorstellungen von der Musik hatten.
Zuletzt hat uns die Boa-Musik immer weniger gefallen, unser Schlagzeug geriet mehr und mehr in den Hintergrund. Am Anfang war da noch viel mehr Power und Trommelei, Experimente mit Eisenrohren, Ölfässern etc. Das wurde in der letzten Zeit immer mehr darauf reduziert, daß da ein Grundrhythmus und hin und wieder Percussion-Sounds waren. Wir beschlossen daher, lieber unser eigenes Ding zu machen, was sich stark von der Boa-Musik unterscheiden sollte."
Phillip Boa teilt diese Ansicht über Trommelei allerdings nur in Maßen: "Es wurde in den letzten Jahren nicht weniger Schlagzeug, im Gegenteil. Es wurde später nur viel weniger von Voodoo und dem Raben eingespielt, weil das technisch nicht mehr paßte und zuviele Wiederholungen auftraten. Also haben seit Hispañola
oft andere Trommler gespielt."
"Wir standen immer hinter dem Boa-Material, das ist gar keine Frage" fährt Voodoo fort. "Sachen wie zum Beispiel Boleria
oder Stock Hausen
sind Punkte, die riesigen Spaß gemacht haben und die in gewisser Weise auch einmalig sind und nur mit dieser Band so zu machen waren. Wir denken auch mit keinerlei Greuel an die Zeit mit Boa zurück. Aber es baute sich nach und nach durch Kleinigkeiten eine Unzufriedenheit auf, was auch viel mit den Tourneen zu tun hatte - und irgendwo geht es dann nicht mehr."
"Am Anfang stand immer der Erfolg der ganzen Sache im Vordergrund und alle haben ihr Bestes gegeben" ergänzt der Rabe die Hintergründe der Trennung. "Aber Boa ist ja nicht mein Ziehvater, der bis an mein Lebensende für mich sorgen muß. Auf Tour gab es immer Probleme, die zuletzt unerträglich wurden. Es war am Ende so, daß Phillip immer genau das Gegenteil von dem machte, was ich sagte. Er war für mich irgendwann berechenbar geworden, weil ich genau wußte, wenn ich zum Beispiel sage, ich spiele keine Zugabe mehr, ist Phillip der erste, der wieder auf der Bühne steht. Ich habe mich also mit Voodoo beprochen, ob wir nochmal rausgehen wollen und dementsprechend habe ich dann das Gegenteil gesagt.
Aber das geht einfach irgendwann nicht mehr so weiter. Irgendwann fällt der Vorhang, man ist unter sich und dann muß man das Spiel, das man dem Publikum oder den Medien vormacht, nicht mehr weiterspielen. Er hat sich in eine eigene Traumwelt reingelebt und es wurde unheimlich anstrengend, mit ihm auszukommen, weil man immer befürchten mußte, daß er gleich wieder ausrastet. Und das macht die Atmosphäre auf einer Tournee einfach kaputt."


