Copperfield
"Es war ein sehr, sehr schwieriges Unterfangen" weiß Tim Renner im nachhinein über die erste bei Polydor veröffentlichte Boa-LP Copperfield zu erzählen. "Es bestand die Gefahr, das was sich Boa im Indie-Bereich aufgebaut hatte zu zerstören. Und das war sowohl für Boa, als auch für uns sehr gefährlich, denn neben den Fans ging es auch um die Presse, um sein Image etc. Deshalb war bei der Produktion für beide Seiten das Wichtigste, daß auf keinen Fall etwas auf der Platte sein dürfte, das auch nur im Entferntesten als kommerziell oder als Eingriff der Plattenfirma ausgelegt werden könnte; nichts Neues, was falsche Eindrücke wecken könnte.
Und deshalb ist Copperfield an sich auch nur eine besser ausgeführte Aristocracie. Als einzige Boa-Platte zeigt sie keine eindeutige Weiterentwicklung, alle anderen Platten haben immer wieder völlig neue Sachen drauf."
Copperfield ist das erste Album, daß die Band nicht nur zusammen mit E.Roc aufnahm, sondern zudem noch einmal hat abmischen lassen, in den legendären Abbey-Road-Studios vom englischen Produzenten John Leckie (The Fall, XTC, Woodentops, Pink Floyd, Simple Minds). "John Leckie war an sich kein schlechter Produzent, aber wir konnten damit damals noch nicht richtig umgehen und haben uns von vornherein vertrauensvoll in seine Hände begeben und ihn alles machen lassen" berichtet Phillip Boa über die Zusammenarbeit. "Deshalb ist die Platte auch nicht so gut geworden, weil ich, eben auch aufgrund des neuen Vertrages bei Polydor, sehr unsicher war. Ich, der die Indie-Idee in Deutschland mitgegründet und geprägt hatte, war nun zur Industrie gegangen. Ich hatte schon ein schlechtes Gewissen und das merkt man auch auf der Platte."
John Leckie ist sozusagen auch Ideengeber für den Albumtitel gewesen, denn als Boa und sein Designer Dirk Rudolph beratschlagten, wie man das neue Werk nennen könnte, bemerkte Leckie Copperfield passe genau zu den Vorstellungen die Boa von der Platte habe. "Es hat vielleicht auch ein wenig mit Charles Dickens 'David Copperfield' zu tun" erzählt Phillip "aber Kupfer ist für mich einfach eine faszinierende Farbe, die auch auf dem Cover leuchtet. Und der Titel Copperfield klingt ja leicht viktorianisch, also sehr englisch und das gilt in diesem Falle auch für die Musik, denn Copperfield ist eine sehr englische Platte geworden."
Laut eines Interviews sah Phillip Boa damals 20.000 verkaufte Platten als Ziel. Wenn auch fast jede Plattenkritik mit vernichtenden Worten über den Wechsel zur Industrie begann, fast alle Journalisten revidierten sogleich ihre Meinung, sprachen von einer der besten Platten des Jahres und davon, daß Boa zum Glück keineswegs kommerzieller sei als früher, sondern noch besser.
Das Resultat war, daß Copperfield sich in den ersten Monaten rund 40.000 Mal verkaufte und somit die erste Platte war, die man von Phillip Boa & The Voodooclub in der offiziellen deutschen Verkaufs-Hitparade notieren konnte - auf Platz 53. Das Abenteuer Polydor-Deal war gelungen und neben Phillip Boa hatte auch Tim Renner es all denen zeigen können, die ihn zuvor gewarnt hatten, daß er mit Boa den ganz großen Flop unter Vertrag genommen hätte.
"Phillip Boa wird es ergehen, wie so vielen Bands zur Zeit der Deutschen Welle " schrieb ein Musikjournalist damals in einer Zeitung und irrte damit, wie man heute sehen kann, vollkommen. "Die Plattenfirma wird ihn melken, solange er Milch gibt. Wenn dann aber nichts mehr kommt, werden sie schnellstmöglich versuchen, ihn loszuwerden. Da mag ein Tim Renner noch soviel von seinem Job verstehen, er ist bei der Polydor halt beschäftigt, um kommerziell erfolgreiche Bands an Land zu ziehen... und das wird Boa mit seiner neuen Platte nicht sein. Boa ist ganz schön blauäugig, wenn er meint, diese Firma würde ihn halten."
Dafür, daß Phillip Boa & The Voodooclub eine Kultband mit teilweise sehr mysteriöser Vergangenheit ist, gibt es auch noch während der Major-Zeit immer wieder Belege. Ein Beispiel sind die Auskopplungen des Copperfield-Albums: neben dem vorher erschienenen Kill Your Ideals gibt es Singles bzw. Maxis von Andy W. und Lunatics over Brighton, die dasselbe Cover (bis auf Titelzeile und -angaben) haben, wie das im April '88 veröffentlichte neue Stück Annie Flies The Lovebomber. Niemand kann heute mehr genau sagen, ob es sich bei den beiden ersten um Fehlpressungen in geringer Auflage, um Promotion-Copies oder gar um normale Veröffentlichungen handelt. Was aber nicht schade ist, denn schließlich fördern solche ungeklärten Raritäten den Kultstatus einer Band.
In den Anzeigen-Kampagnen zur gleichen Zeit konnte man zwei für Boa typische Sprüche lesen, die in der Presse wieder einmal für viel Aufsehen und Beachtung sorgten:
Was ist das für eine Zeit, in der die Kinder die gleiche Musik hören, wie ihre Eltern?
"Der Spruch paßte damals sehr gut" kommentiert Phillip heute. "Was mir nicht gefällt, ist diese Generation, die mit ihren Eltern Shopping geht. Diese vollkommene Übereinstimmung mit den Eltern... wir waren früher immer gegen die Eltern und ich denke, die Eltern müssten die Musik, die ihre Kinder hören, immer fürchterlich finden. Der Spuch hat aber damals besser gepaßt als heute.
Es hat auch etwas damit zu tun, daß wir damals keine Chance hatten, im Radio gespielt zu werden. Indie-Musik war eine Musik für Minderheiten. Und da war ich eben in Deutschland einer der Pioniere, genau wie in Amerika Sonic Youth oder die gesamte Sub Pop/Seattle-Szene, oder in England die ganzen Bands, die wir auf Constrictor hatten. Das waren Minderheiten, die die Masse der Musikhörer schrecklich fanden. Und heute hat jeder Plattenladen seine eigene 'Indie'-Abteilung... Die Zeiten haben sich da sehr geändert."
Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da!
"Ja, das war typischer Phillip Boa-Humor. Was aber viele nicht verstanden haben." Trotzdem steht er nach wie vor hinter dieser Aussage: "Es ist ja auch keine Kultur mehr da. Die Künstler, die leben und die Visionen haben, und am Anfang hatte ich vielleicht sehr naive Visionen und konnte sie auch nicht ausdrücken; die Künstler, bei denen Geld nicht Priorität Nr.1 ist, die werden in Deutschland nicht gerne gesehen und nicht gefördert. Erst wenn sie tot sind, oder sich aufgelöst haben.
Das Radio und vor allem das Fernsehen gibt der Kultur keine Chance mehr. Das Radio spielt nur noch geglättete Musik und im Fernsehen gibt es nur noch Gewalt... Es ist einfach eine Scheiß-Zeit, die auch total am Publikum vorbeigeht. Ich wehre mich einfach gegen eine Generation von Menschen, die sich mit allem einverstanden erklären, keine Moral mehr haben, keine Ethik, überhaupt keinen Schaffensdrang mehr und nur noch vor sich hin vegetieren, ihre Freiheit von Drogen manipulieren lassen, statt etwas zu bewegen, oder nachzudenken. Alle gucken nur noch Fernsehen. Sender wie RTL. Das ist die Zerstörung jeglicher Kultur. Das ist die RTL-Generation. Es ist schlimm.
Kultur ist vieles, aber Kultur sind vielleicht auch meine Texte, wenn ich merke, ich kriege tausende von Briefen und die Leute denken echt darüber nach. Fragen 'Was hast Du denn damit gemeint, also ich habe das soundso verstanden' - und ich sehe, die denken. Das ist im Prinzip wie ein guter Lehrer, den jeder liebt, der Anregungen und Denkanstöße gibt. Aber in der Schule lernt man nunmal nicht gerne. Ich habe zum Beispiel in der Schule Heinrich Böll oder Thomas Mann gehaßt, und heute liebe ich Thomas Manns Bücher. Damals fand ich das schrecklich langweilig, und es ist o.k., wenn man das mit 15 Jahren nicht lesen will.
Aber insofern bin ich froh, wenn ich sie mit meiner Musik motivieren kann und mit meinen Texten, die ihre Sprache sprechen. Meine Musik soll sie zum Nachdenken anregen und Poesie sein und teilweise auch Provokation. Und daß ich die Leute irgendwie erreiche, das ist schön; es heißt: ich bewege etwas.
Kultur ist nicht eine Musik, die nur aus der Intention heraus gemacht wurde, Platten zu verkaufen und Popstar zu sein. Mir ist es zum Beispiel eher unangenehm, wenn ich erkannt werde oder Smalltalk mit irgendwelchen Leuten machen muß; dann arbeite ich lieber. Kultur hat in dieser Gesellschaft keinen großen Stellenwert mehr, nur noch Alibi-Kultur."
Gleichzeitig betonte Boa auch immer wieder, daß er diese Art von "Euter-Pop" hasse, die zur der Zeit ungeheuer angesagt war. " 'Euter-Pop', ja, ich weiß gar nicht mehr, woher dieser Ausdruck stammt. Ich glaube, Dirk Rudolph hatte das gesagt und ich fand das Wort so toll und so treffend, daß ich das gleich überall verbreitet habe. 'Euter-Pop', das war so Samantha Fox-Musik, der musikalische Gehalt ging gleich Null und dann wurden da irgendwelche Frauen mit dicken Busen hingestellt - Danuta, Sabrina, Sam Fox... Und gegen diese flache Musik kämpfe ich an. Musik muß immer etwas aussagen und der Text muß ein gewisses Niveau haben."

