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Boaphenia


Boaphenia

Niemand wußte so recht, was kommen und wie es weitergehen würde, aber "Je größer die Pause zwischen zwei Platten ist, desto größer ist die Weiterentwicklung, die Phillip Boa macht. Je länger er sich zurückhalten muß, desto stärker bricht die freigesetzte Energie dann aus ihm heraus" hatte Tim Renner einmal Boas Arbeitsweise charakterisiert und damit auch in Bezug auf die lange Pause und den darauffolgenden "Neuanfang" Recht behalten.

"Der Popstar und der Pappstar"  Foto by chaos

Phillip Boa

Wie Phillip Boa es angekündigt hatte, wurde 1992 keine neue Platte veröffentlicht, es fand nicht ein einziger Auftritt statt. Lediglich ein Live-Video mit dem Titel Kill Your Ideals - NOW! wurde auf den Markt gebracht, ein Zusammenschnitt aus den beiden letzten Tourneen, kurzen Backstage-Einblicken und Bildern aus Boas Wahlheimat Malta, wohin er sich zum Schreiben neuer Songs zurückgezogen hatte. Außerdem konnte man in diversen Zeitungen lesen, daß die britische BBC Interesse an Phillip Boas Musik gezeigt hatte und zwölf seiner Stücke für einen Film namens "Redemption" verwendete.

 

Im März 1991 trennte sich Boa von George Jackson, weil dieser wie Pia sagte "in London keinen guten Ruf mehr hatte und eh immer nur ein brillanter Redner war, aber danach nie etwas kam". Ende 1992, obwohl "Nie wieder Manager!"-Sprüche vorausgegangen waren, engagierte Boa einen neuen Manager namens K.P., mit dem er zunächst "recht zufrieden" war - und das, obwohl Boa in der Plattenbranche als "absolut nicht managbar" gilt. Aber auch mit K.P. arbeitete Phillip noch nicht einmal ein ganzes Jahr zusammen, wurde wieder "unabhängig", regelte eigenhändig all seine Geschäfte.
Das erste, was man von Phillip Boa und seinem neuen Voodooclub hören konnte, war im Januar '93 die Single Love On Sale , die Fortsetzung von Container Love . Ein weiteres Lied über Paul, den alten Mann aus Hagen. Eine Geschichte über Moralverfall, Verfall von Ästhetik, von Werten, deren Melancholie ebenso wie schon bei Container Love durch den Einsatz einer Oboe ausgedrückt wird, ansonsten aber mit lauten, sägenden Gitarren und einem treibenden Rhythmus eher an einen Song wie I Dedicate My Soul To You erinnert.
Einen Monat nach der Single folgte die Veröffentlichung des Albums Boaphenia (als CD, MC, auf 5.000 Stück limitierte LP und als limitierte CD-Erstauflage in einer schwarz-durchgefärbten Jewelbox), auf dem man wieder einmal einen Phillip Boa erlebt, der auf der einen Seite zwar er selbst geblieben ist, auf der anderen Seite aber auch neue Dinge macht und teilweise völlig andersartig klingt.

Foto by chaos

Phillip Boa & The Voodooclub ´93

"Ich denke, daß wir auch auf diesem Album etwas gemacht haben, was die anderen erst in den folgenden Jahren begannen:die unterschwellige Verwendung von Dance-Einflüssen, die eigentlich jeder gut findet und die alle Rock- und Popmusiker nur deswegen angeblich schlecht finden, weil eben der ganze Rest, die kommerzielle Dance Music, schlecht und billig ist. Es ist immer nur der reine Groove, keine Message, kein richtiger Text und eigentlich auch keine richtige Musik - es sind also keine wirklichen Kompositionen.

 
Foto by Dirk Rudolph

Phillip Boa & the Voodooclub

Aber Dance Music hat unterschwellig auch etwas Gutes, und ich wollte das Laute aus dem eher schrägen Dance mit der Indie- oder Rock-Musik verbinden. Natürlich nicht auf jedem Titel, aber bei manchen Songs merkt man, daß unten etwas blubbert, ein unheimlicher Groove. Genau das kam in dem Moment in Mode." Die Texte von Boaphenia sind für Phillip Boa sehr wichtig, er sieht sich mehr denn je als ein Geschichtenerzähler, der mit den modernen Mitteln der Musik seine Gedanken oder Erlebnisse vertont.

 

"Hyperactive Cracker bin ich im Prinzip selbst - jemand der nicht schlafen, nicht ruhen kann, immer etwas machen, immer arbeiten muß. Johnny the Liar ist ein Freund von mir, eine Art schizophrene Person aus Malta, der den ganzen Tag Lügengeschichten erzählt. Gitarrist bei diesem Stück ist übrigens der Journalist Peter Wagner, den ich durch ein Interview für den ME/Sounds 1990 in New York kennengelernt habe. Fiesta ist eine Art Filmmusik, ein Lied, das die Landschaft beschreibt, die ich von einem Berg aus überschaue. Dann gehe ich mit meiner Geliebten in die Stadt, zum Stierkampf und beschreibe den Stier. Ein Text, auf den ich sehr stolz bin, speziell auf das Ende, wo der Stier stirbt. Auch die Musik ist sehr schön, wenn auch sehr tragisch. Vielleicht einer der besten Songs, die ich je gemacht habe. Get Terminated ist ein Theaterstück, das im Jahre 2008 spielt, und das einen sehr zynischen Text hat."

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