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Aristocracie und E.Roc
Aristocracie und E.Roc
Neben der Arbeit mit den anderen Con!-Bands waren Phillip Boa & The Voodooclub im Sommer und Herbst 1986 auch mit den Aufnahmen für ein eigenes neues Album beschäftigt. Während sie in den Anfängen noch viele Dinge ausprobiert hatten und gemeinsam ihre Ideen verwirklichten, entwickelte es sich nun mehr und mehr dahin, daß Phillip Boa die Stücke schon fast fertig im Kopf hatte, sich in die Musik ungeheuer hineinsteigerte und das Gehirn des Ganzen war.
Nachdem Philister
überall gute Rezensionen erhalten hatte, wollten Phillip Boa & The Voodooclub ihr neues Werk von Conny Planck produzieren lassen. Dieser hörte sich die Demobänder an und bezeichnete die Band fortan als die zweitbeste deutsche Gruppe überhaupt - nach Kraftwerk. Aus zeitlichen Gründen mußte er die Produktion jedoch immer wieder verschieben, "große" Acts wie die Eurythmics oder Ultravox wurden vorgezogen und so empfahl er der Band schließlich, sich an einen gewissen E.Roc zu wenden, welcher zudem noch in Dortmund ansässig war. Vermutlich fühlte er auch schon seine Kräfte schwinden, denn nur wenige Zeit später starb Conny Planck an Krebs.
Im Woodhouse-Studio von E.Roc und seinem Partner Siggi Bemm hatten damals auch die "Fleischergesellen" ihre Platte aufgenommen, daher kannte man sich flüchtig. Phillip hatte jedoch zu Beginn arge Zweifel, daß der ehemalige "Grobschnitt"-Krautrocker das Richtige für seine Musik sei. Als er dann aber die LP Kino in die Finger bekam, ein Werk, das E.Roc zusammen mit Hans Reichel in einer Zeitspanne von vier Jahren aufgenommen hatte und welches alle überhaupt nur erdenklichen Gegenstände beinhaltet, die ein Geräusch oder einen Ton von sich geben (Spülbürste, Tabakdose, Hammer, Holz, Wasser, Stein und und und), war klar, daß dieser Mensch - mit soviel Phantasie, Kreativität und Inprovisationstalent - genau der Mann war, den man gesucht hatte.
Mit den Gewinnen der Philister
finanzierte Phillip Boa die Aufnahmen zur neuen Platte in Höhe von ca. 8.000 Mark, mit dem restlichen Geld stand er nun eines Tages mit Thomas Hermann bei E.Roc in der Studiotür. "Ich habe mir die Bänder angehört und dachte 'verdammt, das ist ja richtig gut. Aber für 6.000 DM, also in sechs Tagen, ist das nicht zu machen'. Da steckten soviele gute Ideen drin, aber der Klang der Aufnahmen war einfach fürchterlich. Über drei Wochen habe ich dann daran gesessen und das gemixt. Aber ich wußte von Anfang an, daß Boa mal erfolgreich wird, weil er wirklich Ideen hat. Was ich immer toll fand war, daß er zwar ein bißchen verrückt ist, aber trotzdem Musik macht, die man sich anhören kann."
Neben dem Voodooclub gab es auch auf dem neuen Werk wieder zahlreiche Gastmusiker zu hören. Abgesehen von mehreren Kammermusikern an Oboe, Fagott, Spinett, Klarinette, Trompete, Saxophon und Klavier, steuerten u.a. auch E.Roc selbst, Dirk Rudolph und Allison Groß einige musikalische Ideen bei. Von Aristocracie
sind heute diverse unterschiedliche Auflagen in Umlauf, zum einen gibt es mehrere zeitlich angepaßte, bedruckte Innersleeves, zum anderen gibt es außerdem zwei verschiedene Promotion-LPs, 300 Stück für Deutschland und 150 ("Mutantanpressung" genannt) für England, die übrigens teilweise einige Strophen länger sind, als die normale Platte.
Bei der Fotosession in einer alten Burgruine entstand die Idee, das neueste Werk Aristocracie
zu taufen. In erster Linie beinhaltet diese Platte autobiografische Texte, Erinnerungen von Phillip Boa an eine unglückliche Kindheit. An die Tatsache, daß seine Mutter ihn als Dreijährigen mit seiner ein Jahr älteren Schwester und dem Vater sitzengelassen hat. Die damit verbundenen psychischen Folgen. Probleme mit seiner Stiefmutter, Probleme in der Schule. Alles Dinge, die er nun in seinen Texten zu verarbeiten begann.
"Meine Texte waren damals zwar teilweise noch ein bißchen naiv, aber gar nicht so schlecht. Gerade den Engländern haben sie gefallen. Obwohl meine Texte heute viel mehr Sinn haben, hatten sie damals schon denselben Humor, den aber in Deutschland kaum einer versteht. Schwarzen Humor, oder englischen Humor. Es ist nicht so ernst und gothic wie man meint, wobei meine Texte aber immer einen leichten düster-teutonischen Touch haben, weil ich, wenn ich nichts zu tun habe, immer depressiv bin."
Nachdem das Album im Oktober 1986 auf den Markt kam, begab sich die Band im November und Dezember endlich auf ihre erste richtige Tournee. Gleichzeitig wurde vom neuen Album die Single Empires Burning
veröffentlicht und im Januar des neuen Jahres wurde zum ersten Mal ein Song als 7" und 12" ausgekoppelt, Clean Eyes For Dirty Faces
, wenn auch nur für Großbritannien. Sowohl in England als auch in Deutschland wurde die nächste Auskopplung auf den Markt gebracht: I Dedicate My Soul To You
gab es in Deutschland ab März '87 als limitierte grüne Single (1.000 Stück), limitierte Maxi (3.000) in grünem und normale Maxi in blauem Vinyl. Im Mai erschien der Song (als New Mix) auf Red Flame, allerdings mit anderem Cover und als Double-A-Side-Maxi zusammen mit For What Bastards
.
Die LP Aristocracie
verkaufte innerhalb des ersten Jahres 16.000 Stück in Deutschland und 5.000 in England, und es wurde Zeit, daß auch die breitere Öffentlichkeit sich für Phillip Boa interessierte - die ersten Majorlabels klopften an. Boa jedoch, eisenharter Verfechter des Independent-Gedankens, weigerte sich strikt gegen eine kommerzielle Ausschlachtung und die damit verbundenen Pflichten, die man dem Musikmarkt gegenüber zu erfüllen hat. Auf den Plattenhüllen von Constrictor konnte man lesen "Vergeßt Radio. Glaubt nichts mehr. Bildet Euch eine eigene Philosophie. Alles ist bestochen. Musik ist gekauft".

